Die Hetärengespräche des Lukian
Ausgabe C, Einband, in: Franz Blei (Hg.): Die Hetärengespräche des Lukian, Leipzig 1907.
© Klimt-Foundation, Wien
Ausgabe C, Titelseite, in: Franz Blei (Hg.): Die Hetärengespräche des Lukian, Leipzig 1907.
© Klimt-Foundation, Wien
Der Prachtband Die Hetärengespräche des Lukian erschien 1907 im Verlag Julius Zeitler. Die deutsche Übertragung der Dialoge des spätantiken Autors Lukian von Samosata stammen von Franz Blei. Die 15 erotischen Zeichnungen von Gustav Klimt wurden als Lichtdruck-Tafeln eingebunden und die Einbände der luxuriösen Vorzugsausgaben fertigte die Wiener Werkstätte.
Der spätantike Autor Lukian von Samosata verfasste etwa um 160 n. Chr. die Hetärengespräche, die in 15 Dialogen einen Einblick in den Alltag der Hetären, den sozial anerkannten und gebildeten, käuflichen Gefährtinnen des 5. Jahrhunderts v. Chr. geben. In den Geschichten aus der Halbwelt Athens unterhalten sich die Protagonistinnen komödiantisch über Themen wie Untreue, Eifersucht, Homosexualität, Züchtigung, Verführung und Liebeszauber.
In der ersten deutschen Übersetzung der Hetärengespräche des Lukian von 1788 nahm Christoph Martin Wieland den V. Dialog nicht auf, da ihm das Gespräch über lesbische Liebe zu unsittlich erschien. Erst 1866 wurde diese Lücke vom Übersetzer Theodor Fischer geschlossen. Der Wiener Schriftsteller, Essayist und Übersetzer Franz Blei lebte ab 1900 in München und gab u.a. die als pornografisch verschriene Zeitschrift Amethyst heraus. Im Jahr 1906 lieferte er die literarische Grundlage für eine Neuedition der Hetärengespräche. In seiner Übertragung veränderte er dafür die Reihenfolge der 15 Dialoge und versah sie mit provokanten Titeln wie Der Schrecken der Ehe, Die Wollust der Prügel oder Die Lesbierinnen. Somit inkludierte Blei auch den »unsittlichen« Dialog über lesbische Liebe als VI. Kapitel.
Das aufwendige Buchprojekt wurde vermutlich von Franz Blei initiiert, wobei mangels eindeutiger Belege die Rollenverteilung aller involvierten Akteure nicht klar nachvollziehbar ist. Gustav Klimt schenkte Blei im Jänner 1906 eine Zeichnung, die vielleicht die Idee für die Herausgabe der Hetärengespräche als Prachtband vorantrieb. Die Auswahl von 15 passenden – großteils bereits existierenden Zeichnungen von Klimt – fand wohl spätestens bis 14. August 1906 statt. Zu diesem Zeitpunkt beauftragte der Verleger Julius Zeitler die Wiener Werkstätte mit zwei Musterbänden »F[ÜR]. KLIMT'S LUKIAN«, deren Gestaltung Josef Hoffmann übernahm. Unter Kennern war der Leipziger Verlag Julius Zeitler bekannt für die Herausgabe von Erotika und das Vorantreiben innovativer Buchkunst. Vermutlich oblag Zeitler auch die grafische Gestaltung, die durch das ungewöhnlich breitrandige Layout, den aufwendigen, zweifarbigen Schriftdruck in Schwarz und Gold sowie die Anordnung der Klimt-Zeichnungen besticht. Zwei hochformatige Zeichnungen, Die Erziehung der Corinna und Der Liebeszauber, markieren den Anfang und das Ende der Hetärengespräche. Dazwischen wurden die restlichen 13 Motive jeweils im Querformat eingefügt, wodurch die Leser:innen gezwungen sind, ihre Lektüre zu unterbrechen und das Buch um 90 Grad zu drehen, um diese zu betrachten.
Gustav Klimts erotische Zeichnungen in den Hetärengesprächen
Sowohl stilistisch, als auch materialtechnisch können Klimts 15 erotische Zeichnungen, welche die Hetärengespräche visuell ergänzen, in die Zeit zwischen 1904 bis 1906 datiert werden. Dabei stehen einige Blätter im Zusammenhang mit den Studien für Wasserschlangen II (1904, überarbeitet vor 1908, Privatbesitz). Zwei Drittel der Zeichnungen entstanden 1904 an Klimts zeichnerischem Wendepunkt, als er von weicher Kreide auf Packpapier zu hartem Bleistift auf hellerem Japanpapier in einem größeren Format wechselte. Hinzu kam die Hinwendung zur Darstellung erotischer Frauenkörper. Anders als in seinem malerischen Werk, setzte er in seinen Zeichnungen den Motivkreis von masturbierenden oder lesbischen, nackten und halbnackten Frauen um.
Für die sinnlichen Darstellungen jenseits gängiger Moralvorstellungen fand Klimt vermutlich Inspirationsquellen in griechischer Vasenmalerei, japanischen Holzschnitten und den ihm bekannten, erotischen Illustrationen des englischen Künstlers Aubrey Beardsley. In den ausgesuchten Zeichnungen für die Hetärengespräche dominieren ausgestreckt liegende Figuren, bei denen Klimt zu raffinierten Linienschöpfungen fand, indem er Details wie Scham- und Achselhaare sowie Schmuckstücke akzentuierte und Stoffe um die Körper drapierte.
Die Arbeiten stehen neben den Dialogen der Hetärengespräche als eigenständige Zeichnungen, welche die Texte illustrieren und gewähren einen intimen Einblick in Klimts Werk. So schrieb Franz Blei in seiner 1940 verfassten Autobiografie:
»[…] das Bildnis der Frau war seine [Klimts] Prädilektion, und jene tausende von gezeichneten, die Momente festhaltenden nackten oder halbbekleideten Frauenkörper waren sozusagen sein Privatleben, das Tagebuch seiner besten Leistungen in jedem Sinne.«
Ausgabe C, Exemplar Nummer 431 von 450, in: Franz Blei (Hg.): Die Hetärengespräche des Lukian, Leipzig 1907.
© Klimt-Foundation, Wien
Ausgabe B, Exemplar Nummer 11 von 100, Einband, in: Franz Blei (Hg.): Die Hetärengespräche des Lukian, Leipzig 1907.
© Dorotheum Linz, Auktionskatalog 09.11.2021
Ausgabe C, Ausgabe B, Exemplar Nummer 11 von 100, Einbandrückseite (Detail), in: Franz Blei (Hg.): Die Hetärengespräche des Lukian, Leipzig 1907.
© Dorotheum Linz, Auktionskatalog 09.11.2021
Herstellung und Vorzugsausgaben des Luxusbandes
Die bibliophile Neuauflage der Hetärengespräche des Lukian sollte ursprünglich noch vor Weihnachten 1906 erscheinen, um den finanzkräftigen Kundenkreis für die Festtage zu bedienen. Die Fertigstellung der luxuriösen Prachtausgabe erfolgte allerdings erst im Jänner 1907. Für die Herstellung wurde die traditionsreiche Buchdruckerei Offizin W. Drugulin in Leizig verpflichtet. Die Zeichnungen reproduzierte die Firma Obernetter in München, die zu den Pionieren und Spezialisten für Lichtdruck zählte. Die teuer und aufwendig gestaltete Produktion sollte den höchsten Standards entsprechen, wobei die Schwierigkeit in der Zusammenführung bzw. Maßabstimmung des Textdrucks und der als Tafeln beigebundenen Lichtdrucke lag.
Derselbe Qualitätsanspruch galt für die Einbände der 450 nummerierten Exemplare. Josef Hoffmann entwarf die Mustereinbände der beiden Vorzugsausgaben A und B, welche die Wiener Werkstätte ausführte. Dabei wurde die Edition A als luxuriöseste Ausgabe auf 50 Exemplare limitiert und auf Japanpapier gedruckt. Die Ausgabe ist mit einem schwarz-weiß marmorierten Ganzleineneinband mit vergoldetem, geprägtem Deckelschild nach Entwurf von Klimt, Goldschnitt und auf den Einband abgestimmtem Vorsatzpapier aus schwarz-weiß marmoriertem Tunkpapier ausgestattet. Die auf Büttenpapier gedruckte Edition B umfasste 100 Exemplare mit grauem Sämischledereinband, ebenfalls mit vergoldetem, geprägtem Deckelschild und Goldschnitt, allerdings ohne das gemusterte handgefertigte Vorsatzpapier. Die Einbände der beiden Vorzugsausgaben sind rückseitig mit Hoffmanns Monogramm JH und dem dreizeiligen Firmenlogo WIENER WERK STÄTTE in Goldprägung versehen. Bei der Edition C handelt es sich um die schlichteste Ausführung als Ganzleinenband mit goldgeprägtem Deckeltitel, die auf 300 Exemplare beschränkt worden war. Franz Blei kommentierte die unterschiedlichen Ausgaben in einem Brief an den Verleger Julius Zeitler folgendermaßen:
»[…] Mit den Lukianbänden haben Sie ganz recht: schön werden alle drei Einbände sein und jeder kann nach Geschmack und Geldbeutel wählen.«
Einige erhaltene Vorzugsausgaben A und B geben einen Eindruck von der Käuferschicht der hochpreisigen Luxusvarianten. Zu den Erstbesitzern zählten Berta Zuckerkandl, Kolo Moser, Paul Bacher, Gottfried Eissler und der bedeutende deutsche Sammler Karl Ernst Osthaus. Hermann Bahr besaß ein Exemplar der Edition C und bedankte sich bei Blei für das Werk, indem er eine Lobrede auf seinen Freund Gustav Klimt und dessen gezeichnete Tabubrüche hielt:
»Ich trinke Klimt, den hellen Heiden. Die da draußen, wo sie alles wissen, glauben, daß er nur mit Linien spiele. Arme Toren, daß ihr die namenlose Macht dieser heilig schwörenden Geilheit nicht vernehmt! Hier ist der einzige, dem keine bürgerliche Scham die blühende Natur verdunkelt. Der einzige, der wieder heidnisch blickt. Der einzige, dem das Weib überall Weib ist.«
Literatur und Quellen
- Alice Strobl (Hg.): Gustav Klimt. Die Zeichnungen, Band II, 1904–1912, Salzburg 1982, S. 86.
- Tobias G. Natter: Gustav Klimt und die Hetärengespräche des Lukian. Ein Erotikon, sein Bedeutungsraum und die griechische Antike, in: Stella Rollig, Tobis G. Natter (Hg.): Klimt und die Antike. Erotische Begegnungen, Ausst.-Kat., Orangerie (Unteres Belvedere, Wien), 23.06.2017–08.10.2017, München 2017, S. 8-25.
- Marian Bisanz-Prakken: Klimts Zeichnungen für die Hetärengespräche und ihr Stellenwert im Werk des Künstlers, in: Stella Rollig, Tobis G. Natter (Hg.): Klimt und die Antike. Erotische Begegnungen, Ausst.-Kat., Orangerie (Unteres Belvedere, Wien), 23.06.2017–08.10.2017, München 2017, S. 26-33.
- Stephanie Auer: Die prominenten Erstbesitzerinnen und Erstbesitzer der Hetärengespräche, in: Stella Rollig, Tobis G. Natter (Hg.): Klimt und die Antike. Erotische Begegnungen, Ausst.-Kat., Orangerie (Unteres Belvedere, Wien), 23.06.2017–08.10.2017, München 2017, S. 78-85.
- Hermann Bahr: Die Opale. Blätter für Kunst und Literatur, Leipzig 1907, S. 127-128.
- Stefan Kutzenberger: "Die Wollust der Prügel". Gustav Klimt, Franz Blei und die "Hetärengespräche" des Lukian, in: Tobias G. Natter, Franz Smola, Peter Weinhäupl (Hg.): Klimt persönlich. Bilder – Briefe – Einblicke, Ausst.-Kat., Leopold Museum (Museums Quartier, Wien), 24.02.2012–27.08.2012, Wien 2012, S. 144-163.
- Hartmut Walravens: Briefe Franz Bleis an den Verleger Julius Zeitler (1874-1943). Die Rolle Franz Bleis als Verlagsberater, in: Monika Estermann, Ursula Rautenberg (Hg.): Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band 64, Berlin - Boston 2009, S. 1-52, Nr. 12.
- Franz Blei: Zeitgenössische Bildnisse, Amsterdam 1940, S. 95.