Stadttheater Reichenberg
Stadttheater Reichenberg, in: Neue Illustrierte Zeitung, 04.06.1882.
© Klimt-Foundation, Wien
Stadttheater Reichenberg (Aufriss)
© Architekturmuseum (TU Berlin)
Gustav Klimt, Ernst Klimt, Franz Matsch: Entwurf für den Hauptvorhang des Stadttheaters Reichenberg, 1882, Verein der Freunde der Österreichischen Galerie Belvedere, Leihgabe im Belvedere, Wien
© Belvedere, Wien
1882/83 führte die »Künstler-Compagnie« ihren ersten selbstständigen Großauftrag aus: Fünf Deckenbilder und den Vorhang für das neu errichtete Stadttheater in Reichenberg. Den Auftrag erhielten Franz Matsch und die Gebrüder Klimt durch Vermittlung des ausführenden Architektenbüros Fellner & Helmer.
Im Juni 1881 schloss die Stadt Reichenberg mit den beiden bekannten Wiener Architekten Ferdinand Fellner jr. und Hermann Helmer einen Vertrag zur Errichtung eines neuen Stadttheaters (heute: F. X. Šalda-Theater, Liberec), das bereits im Herbst 1883 eröffnen sollte. Laut Der Presse vom 23. Juni 1881 mussten Fellner & Helmer die Detailpläne und den Kostenüberschlag bis Ende August vorlegen, da die Stadt den Baustart für Herbst anvisierte. Diversen Medienberichten zufolge wurden die geforderten Unterlagen Anfang September der Kommune vorgelegt. Zudem präsentierten Fellner & Helmer persönlich die Pläne für das Theater, das von ihnen als freistehendes Gebäude konzipiert wurde, dem Stadtverordneten-Collegium vor Ort. Die Wiener Allgemeine Zeitung vermeldete am 8. September 1881 zu diesem Anlass, dass »die Stadtverordneten beschlossen, den Bau des neuen Theaters mit Zugrundelegung der von den Architekten vorgelegten allseitig gelobten Pläne auszuschreiben, […].« Für das mehrjährige Bauprojekt wurden Ausgaben in Höhe von 230.000 Gulden (ca. 3.234.000 Euro) einkalkuliert; zum Schluss sollten sich diese aber insgesamt auf mehr als 300.000 Gulden (ca. 4.219.000 Euro) belaufen.
Noch 1881 begann die bauliche Realisierung durch die engagierten Reichenberger Baumeister Sachers und Gärtner, die zusammen mit dem Wiener Architektenbüro die Errichtung bis 1883 planmäßig und ohne gröbere Verzögerungen abschlossen. Die feierliche Eröffnung des Hauses, der laut dem Prager Tagblatt auch Fellner & Helmer beiwohnten, die »vom Publicum [!] in schmeichelhafter Weise ausgezeichnet […]« wurden, fand am 29. September 1883 statt.
Beauftragung der »Künstler-Compagnie«
Im Herbst 1882 erhielten Franz Matsch und Gustav Klimt - vermutlich auf Empfehlung von Fellner & Helmer - aus Reichenberg eine Anfrage zur Erstellung einer Skizze für den Hauptbühnenvorhang im Stadttheater. In dem überlieferten Antwortschreiben der beiden jungen Künstler – verfasst auf einem Briefpapier des Architektenbüros Fellner & Helmer und datiert mit 10. Oktober 1882 – bestätigten sie die Anfrage und verpflichteten sich bis Anfang Dezember einen Entwurf zu übermitteln. Die Kosten im Falle einer Realisierung veranschlagten sie zunächst mit 1.500 Gulden (ca. 21.260 Euro) später mit 1.800 Gulden.
Die Skizze sendeten sie, laut dem im Staatlichen Kreisarchiv Liberec (SOkA Liberec) verwahrten Schriftverkehr, fast fristgerecht im Dezember 1882 an das Theaterbaucomiteé mit einem Begleitschreiben, das eine detaillierte Programmbeschreibung beinhaltete:
»Vor allem sind die Offerenten der Ansicht, dass für das Stadttheater einer Provinz, wo das Theaterrepertoire so verschiedenartig ist, das Motiv des Hauptvorhanges sozusagen ein allgemeines sein muss; jedoch das ›Heitere‹ und ›Ernste‹ allegorisiert. […] Wir wählten daher als Motiv des Mittelbildes den Triumph der Liebe (Hochzeit) als dominierend heitere Seite, während die Figuren im Vordergrund die ernste Kunst symbolisieren sollen […].«
Brief von Franz Matsch in Wien an das Theaterbaucomité in Reichenberg, mitunterschrieben von Gustav Klimt
Franz Matsch sen.: Hermine und Klara Klimt, um 1882
© Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll
Im Jänner 1883 beschloss das zuständige Komitee hiernach den Wiener Künstlern den Auftrag zur Ausführung ihres Theatervorhangskizze, die als »sehr schön und künstlerisch gehalten« erachtet wurde, zu erteilen. Die Lieferung des ausgeführten Vorhanges Allegorie der heiteren und ernsten Kunst (1882/83) wurde zu diesem Zeitpunkt für den 15. Juli 1883 angesetzt.
Dass am Theatervorhang Franz Matsch als auch Gustav und Ernst Klimt gemeinsam arbeiteten, ist aus der im Mittelbild angebrachten Signatur zu schließen. Die Unterscheidung, welche Partie von wem konkret gemalt wurde, hat sich an diesem Werk bislang aber als schwierig erwiesen. Aufgrund einer Skizze wird vermutet, dass Gustav Klimt die stehende männliche Figur in der Mitte des Hochzeitsschiffes malte. Auch die Figurengruppe am Heck des Schiffes wird dem älteren Klimt-Bruder zugewiesen. Daneben sind zwei weibliche Figuren am ehesten Franz Matsch zuzuschreiben. Diese sind Teil der Hochzeitsgesellschaft und erinnern in ihrer Gestaltung an ein von Matsch angefertigtes Porträt der Schwestern Hermine und Klara Klimt (um 1882, Privatbesitz).
Gustav Klimt, Ernst Klimt, Franz Matsch: Allegorie der heiteren und ernsten Kunst, 1882/83, F. X. Šalda-Theater
© Divadlo F. X. Šaldy, Foto: M. Bejbl
Künstlerische Ausstattung in Reichenberg
Deckenensemble im Stadttheater Reichenberg
© Divadlo F. X. Šaldy
Deckenbilder
Neben dem Theatervorhang erstellten die drei Künstler vier große Deckenbilder sowie ein Proszeniumsbild für den Zuschauerraum. Letzteres führte Ernst Klimt aus, während Gustav Klimt und Franz Matsch jeweils zwei Werke für den Plafond schufen. Aufgrund der marginalen Quellenlage sind die genauen Umstände zur Auftragserteilung dieser fünf Arbeiten für Reichenberg bislang nicht vollständig geklärt. In einem Bericht aus den Mittheilungen des k. k. Oesterreichischen Museums vom 1. Februar 1883 heißt es beispielsweise nur, dass der Stadtrat von Reichenberg die von den Wiener Malern Franz Matsch und den Gebrüdern Gustav und Ernst Klimt entworfenen Skizzen für den Vorhang und fünf Deckenbildern für das neugebaute Stadttheater genehmigt hat. Bei den Werken könnte es sich aber möglicherweise auch um einen Direktauftrag durch Fellner & Helmer gehandelt haben.
Präsentation im k. k. Österreichischen Museum für Kunst und Industrie
Sowohl die fünf Deckenbilder als auch der Hauptbühnenvorhang für Reichenberg wurden nach ihrer Fertigstellung im k. k. Österreichischen Museum für Kunst und Industrie (heute: MAK, Wien) für einige Tage der Öffentlichkeit präsentiert. Dies erfolgte unter anderem auf Anregung von Museumsdirektor Rudolf Eitelberger. Laut den Mittheilungen des k. k. Oesterreichischen Museums fanden die beiden Ausstellungen von 16. bis 19. März 1883 sowie von 1. bis 2. September 1883 statt. Die sehr kurze Präsentationsdauer selbst ergab sich durch die Lieferverpflichtungen der »Künstler-Compagnie«.
Literatur und Quellen
- Hana Seifertová-Korecká: Ein Frühwerk von Gustav Klimt – Der Theatervorhang in Reichenberg (Liberec), in: Alte und moderne Kunst. Österreichische Zeitschrift für Kunst, Kunsthandwerk und Wohnkultur, 12. Jg., Heft 94 (1967), S. 23-28.
- Mittheilungen des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Monatsschrift für Kunst und Gewerbe, 18. Jg., Heft 209 (1883), S. 335.
- Mittheilungen des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Monatsschrift für Kunst und Gewerbe, 19. Jg., Heft 220 (1884), S. 14-15.
- Mittheilungen des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Monatsschrift für Kunst und Gewerbe, 18. Jg., Heft 217 (1883), S. 526.
- Mittheilungen des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Monatsschrift für Kunst und Gewerbe, 18. Jg., Heft 211 (1883), S. 378.
- Die Presse, 23.06.1881, S. 11.
- Neue Illustrierte Zeitung, 04.06.1882, S. 570.
- Der Bautechniker. Centralorgan für das österreichische Bauwesen, 1. Jg., Nummer 36 (1881), S. 291.
- Wiener Allgemeine Zeitung, 08.09.1881, S. 5.
- Herbert Giese: Franz von Matsch – Leben und Werk. 1861–1942. Dissertation, Wien 1976, S. 42-47.
- Historisches Museum der Stadt Wien (Hg.): Franz von Matsch. Ein Wiener Maler der Jahrhundertwende, Ausst.-Kat., Museen der Stadt Wien (Wien), 12.11.1981–31.01.1982, Wien 1981, S. 45-48.
- Wiener Allgemeine Zeitung, 08.11.1881, S. 3.
- Neue Freie Presse, 01.10.1883, S. 1.
- Teplitz-Schönauer Anzeiger, 03.10.1883, S. 5.
- Prager Tagblatt, 30.09.1883, S. 4.
- Brief von Franz Matsch in Wien an das Theaterbaucomité in Reichenberg, mitunterschrieben von Gustav Klimt (09.12.1882). VI. – Gd, 202, Signatur 709/4, Karton 188_2, SOkA Liberec, Archiv města Liberec (AML).
- Brief von Franz Matsch in Wien an Carl Finke in Reichenberg, mitunterschrieben von Gustav Klimt (10/10/1882). VI. – Gd, 202, Signatur 709/4, Karton 188_1, SOkA Liberec, Archiv města Liberec (AML).
- Brief von Franz Matsch in Wien an den Magistrat der Stadt Reichenberg, mitunterschrieben von Gustav Klimt (01/19/1883). VI. – Gd, 202, Signatur 709/4, Karton 188_9, SOkA Liberec, Archiv města Liberec (AML).
- Brief von Franz Matsch in Wien an den Magistrat der Stadt Reichenberg, mitunterschrieben von Gustav und Ernst Klimt (vor dem 14.08.1883). VI. – Gd, 202, Signatur 709/4, Karton 188_6, SOkA Liberec, Archiv města Liberec (AML).
- N. N.: Atelier Klimt und Matsch, in: Mittheilungen des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Monatsschrift für Kunst und Gewerbe, 20. Jg., Heft 232 (1885), S. 308.
- Die Graphischen Künste, 35. Jg. (1912), S. 51.