Allegorien der Gefahr
Gustav Klimt: Judith I, 1901, Österreichische Galerie Belvedere
© Belvedere, Wien , Foto: Johannes Stoll
Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich Klimt in seinen Allegorien vorwiegend mit dem Sujet der dunklen Gefahren, sei es durch die verruchte Femme fatale, den ewigen Kampf des Ritters oder die Vision des Todes. Mit Hoffnung I wandte er sich 1903 dem Themenkreis Tod und Leben sowie der Beziehung von Mann und Frau zu.
Judith I
Als Paradebeispiel von Frauen als Femmes fatales kann das Gemälde Judith I (1901, Belvedere, Wien) gesehen werden. Es zeigt die alttestamentarische Heldin mit dem Kopf des grausamen Feldherrn Holofernes, eingebettet in eine goldglänzende Komposition mit orientalischen Bildelementen, angeregt durch assyrische Reliefs. Der Fokus liegt vollkommen auf der weiblichen Protagonistin. Der Kopf des Holofernes, der vom Bildrand zur Hälfte überschnitten wird, nimmt eine rein attributhafte Funktion ein. Das weibliche in der Darstellung dominiert, während die männliche Komponente sprichwörtlich an den Rand gerückt wird.
Der von Klimt entworfene Rahmen mit der Aufschrift »JUDITH UND HOLOFERNES« kann als Teil der Komposition im Sinne eines Gesamtkunstwerkes gesehen werden. Ausgeführt wurde dieser vom Bruder des Malers, Georg, der erfolgreich als Metallbildhauer tätig war. Trotz der eindeutigen Identifikation der Dargestellten als Judith durch die Rahmeninschrift führte die ambivalente Darstellung der Protagonistin als verführerische, erotische Femme fatale dazu, dass sie zuweilen auch als Salome – der biblische sündhafte Gegenpart zur tugendhaften Judith – bezeichnet wurde. So bemerkt der Kunstkritiker Ostini:
»Für die prachtvolle biblische Gestalt der Töterin des Holofernes ist dies Gesicht zu lüstern und zu pervers. Es liegt eine Erschlaffung darauf, die nicht von der That [!] kommt, sondern vom Genuss.«
So changiert Klimts Darstellung zwischen triumphaler, heldenhafter Patriotin und sexuell dominanter, Gottesanbeterin gleicher Männermörderin. Skizzen im sogenannten Roten Skizzenbuch (1898, Belvedere, Wien) der Sonja Knips zeigen, dass Klimt die gesteigerte Erotik durch die Betonung von Lippen und Nabel bewusst vornahm. Entscheidend ist hier vor allem die Umsetzung von althergebrachten ikonografischen Themen und deren gleichzeitige Verankerung in der aktuellen Zeitgeschichte. Schon Felix Salten erkannte 1903 Klimts Fähigkeit zur Aktualisierung mythologischer Figuren, indem er in Klimts Judith eine schöne, jüdische Jourdame sah.
Einzelseiten aus dem Roten Skizzenbuch
Klimt schloss mit dieser Judith-Interpretation an diverse Literaten und Künstler der Jahrhundertwende – allen voran Friedrich Hebbel – an, die ihre Idee der modernen, sexuellen, dem Mann gegenüber dominanten Frau auf die Gestalt der Judith übertrugen. Stilistisch positionierte sich Klimt mit seiner Judith I inmitten des internationalen Diskurses um Symbolismus und Décadence. Ein Vorbild im Bereich der Malerei stellte mit Sicherheit Franz Stucks Gemäldereihe rund um das Werk Die Sünde (um 1893, Neue Pinakothek, München) dar. In diesem etabliert Stuck das Prinzip der verführerischen Frau, die in ihrer offensichtlichen Sexualität auch immer einen Hauch von Gefahr mit sich bringt, was Klimt in seiner Interpretation der Judith aufgreift.
Gustav Klimt: Der goldene Ritter (Das Leben ein Kampf), 1903, Aichi Prefectural Museum of Art
© Aichi Prefectural Museum of Art, Nagoya
Der goldene Ritter
Im Zuge der »Klimt-Kollektive« in der Secession von Ende 1903 bis Anfang 1904 wurden zwei weitere neue Allegorien Klimts präsentiert.
Im Gegensatz zu den häufigen Frauendarstellungen tritt der Mann nur selten als Protagonist in Klimts Œuvre auf. Im Gemälde Das Leben ist ein Kampf, später auch als Der goldene Ritter (1903, Aichi Prefectural Museum of Art, Nagoya) bezeichnet, greift Klimt auf die Figur des Ritters aus dem Beethovenfries (1901/02, Belvedere, Wien) zurück und vereinzelt sie als Sinnbild des ständigen Kampfes. Während der Ritter im Beethovenfries als »wohlgerüsteter Starker« gegen das Monster Typhaeon und seine grauenvollen Töchter kämpft, um die leidende Menschheit der Musik und dem Glück zuzuführen, zieht der Goldene Ritter auf einem riesigen, schwarzen Schlachtross an pointillistisch gemalten Bäumen einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Natter deutet bereits auf Gefahr hin. Schlangen spielen in Klimts Werken der Goldenen Periode eine große Rolle, immer wieder finden sie sich in Darstellungen wie beispielsweise Nuda Veritas (1899, Österreichisches Theatermuseum, Wien) und kurz nach 1900 auch in den Fakultätsbildern Die Medizin und Die Jurisprudenz (1900–1907, 1903–1907, beide 1945 verbrannt auf Schloss Immendorf).
Könnte sich Gustav Klimt, der sich Zeit seines Lebens selbst als Einzelkämpfer, alleiniger Ernährer seiner Familie und seiner unehelichen Kinder sowie immer unzufriedener Künstler im ständigen Kampf mit seinen Werken sah, in diesem Gemälde ein allegorisches Gleichnis geschaffen haben? Es wäre durchaus nahe liegend, in dem Ritter den immer geplagten Maler im Kampf gegen die leere Leinwand zu sehen, der – in Anlehnung an die Programmatik des Beethovenfrieses – die leidenden Menschen der Kunst und dem Glück zuführt. Belege für diese Theorie auch seitens der Zeitgenossen fehlen jedoch.
Dass das Gemälde für Klimt selbst ein Schaffenskampf war, belegt die Tatsache, dass der Künstler es nicht zu Ausstellungsbeginn 1903 vollenden konnte. Fast zwei Wochen musste das Wiener Publikum warten, bis der Meister den Kampf um die Fertigstellung des Werks gewonnen hatte. Der Industrielle Karl Wittgenstein, ein leidenschaftlicher Klimt-Sammler, erwarb das Gemälde anschließend für seine Sammlung.
Gustav Klimt: Aus dem Reich des Todes (Zug der Toten), 1903, Verbleib unbekannt, seit Kriegsende 1945 verschollen
© Klimt-Foundation, Wien
Einblick in die Villa Waerndorfer, 1903/04, MAK - Museum für angewandte Kunst, Archiv der Wiener Werkstätte
© MAK
Gustav Klimt: Die Hoffnung I, 1903/04, National Gallery of Canada
© NGC
Aus dem Reich des Todes
Die bereits eingangs erwähnten Schlangen spielten auch in Klimts erster Allegorie, die sich mit dem Thema Tod auseinandersetzte, Aus dem Reich des Todes (Zug der Toten) (1903, Verbleib unbekannt, seit Kriegsende 1945 verschollen) eine Rolle. Die Vision des Jenseits, in der magere Menschenkörper scheinbar schwerelos im Universum schweben, ist leider nur noch in einer Schwarz-Weiß Reproduktion erhalten. Das Gemälde kann jedoch dank einer Beschreibung des Kunstkritikers Ludwig Hevesi teilweise in seiner Farbigkeit rekonstruiert werden. Weiße Tücher mit unregelmäßigen, paarweise auftretenden grünen Quadraten darauf sollen die Verblichenen verbunden haben. Diese sollen sich über die Bildoberfläche erstreckt haben wie die »Milchstraße über den Nachthimmel«. Dazwischen schlängelten sich dunkelblaue Nattern mit goldenen Köpfen. Der Hintergrund sowie der Rahmen dürften eine unendliche schwarze Leere suggeriert haben, hin und wieder durchsprengt mit bunten Sternen. Im Aufbau des Bildes mit dem stromartigen Fließen der gewölbten Leiber im Pulk eines welligen, wogenden ornamentalen Bandes greift Klimt formal auf Bewegtes Wasser (1898, Privatbesitz) und die Irrlichter (1903, Privatbesitz) zurück.
Erste Auseinandersetzungen mit Leben und Tod hatten bereits im Fakultätsbild Die Medizin (1900–1907,1945 verbrannt in Schloss Immendorf) stattgefunden. Klimt studierte zur realistischen Darstellung der verwesten Leiber anatomische Skizzen. Vermutlich handelte es sich dabei um dieselben Blätter, die er auch schon für das Fakultätsbild herangezogen hatte. Zugang zu den lebelosen Modellen hatte er laut Hevesi durch den befreundeten Mediziner Emil Zuckerkandl erhalten:
»Wie viele Stunden hat er diesen Sommer im Seziersaale des Prof. Zuckerkandl eifrig gezeichnet, um aus all dem Tode dieses bleiche, starre Farben- und Linienspiel zu destillieren.«
Gerade diese schonungslos realistische Darstellung des Todes, ohne Idealisierung und Abstraktion, traf den Nerv der Betrachter:innen und führte zu Kritik und Ablehnung. Fritz Waerndorfer erwarb schließlich das Gemälde und bewahrte es in seiner Villa im Wiener Cottageviertel auf.
Die Hoffnung I
Mit dem Gemälde Die Hoffnung I (1903/04, National Gallery of Canada, Ottawa) beschäftigte sich Klimt ein weiteres Mal mit der Thematik Tod. Eine nackte, schwangere Frau – die also sprichwörtlich »guter Hoffnung« ist – steht leuchtend im Vordergrund der Komposition. Im Hintergrund ragen drohend ein Skelett, stellvertretend für den Tod stehend, ausgemergelte Gesichter und eine schwarze Schattengestalt auf. Die Frau, die ihre Hände schützend über ihren Bauch legt, blickt jedoch die Betrachter:innen an und ist sich der drohenden Gefahr nicht bewusst. Wiederum verbindet Klimt hier eine Frauendarstellung mit dem Element der Gefahr. Die Konnotationen der beiden Begriffe hatten sich jedoch seit Judith I stark verändert. Die Frau ist nun von der Femme fatale zur fast schon sakralen, unschuldig wirkenden Mutterfigur transformiert. Ihre Nacktheit strahlt keine Verführung mehr aus, sondern zeugt von einer kindlichen Verletzlichkeit. Die Symbole der Gefahr sind keine Warnung an die Betrachter:innen mehr, vielmehr werden sie zur Bedrohung für die Dargestellte. Eventuell ging dieser Wandel in Klimts Frauenbild auf den Tod seines noch kein Jahr alten Sohnes Otto Zimmermann 1902 zurück.
Eigentlich wollte Klimt Die Hoffnung I bereits Mitte November 1903 im Rahmen seiner Kollektive präsentieren. Berta Zuckerkandl berichtete jedoch, dass der Unterrichtsminister Hartel fürchtete, es könne auf Grund der Darstellung einer nackten Schwangeren wie bereits bei den Fakultätsbildern zu einem erneuten Skandal kommen. Auf seine Bitte hin zog Klimt das Bild von der Ausstellung zurück. Als Hans Koppel das Werk im Atelier Klimts im November 1903 sah, bezeichnete er es als »Klimts letztes Bild«, das bis auf einige Kleinigkeiten bereits fertig wäre. Der Maler wollte noch den Hintergrund von einer Landschaft zu einem gemusterten Teppich verändern und mit »charakteristischen Köpfen, die den Gedankeninhalt verdeutlichen«, ergänzen. 1904 überarbeitete Gustav Klimt die Komposition und verkaufte sie anschließend an Fritz Waerndorfer. Dieser ließ von Kolo Moser eigens ein Möbel anfertigen, welches das skandalöse Werk vor unerwünschten Blicken schützen sollte. Ludwig Hevesi berichtete am 25. November 1905 anlässlich eines Besuchs in der Villa Waerndorfer:
»Wir saßen an jenem Abend lange beisammen und beschauten die herben Kunstwerke, die Herr Wärndorfer sammelt. Über einem großen Bilde sind zwei Flügeltüren hermetisch geschlossen, um jedes profane Auge abzuhalten. Das Bild ist die berühmte, sagen wir berüchtigte ›Hoffnung‹ von Klimt. Nämlich jenes junge Weib in hochinteressanten Umständen, das der Künstler hüllenlos zu malen wagte. Eines seiner Meisterwerke. […] In der Klimt-Ausstellung vor zwei Jahren konnte das Bild nicht ausgestellt werden, eine Übermacht hintertrieb es. Nun ist es ein Privatissimum im Hause Waerndorfer.«
Literatur und Quellen
- Hans Koppel: Bei Gustav Klimt, in: Die Zeit, 15.11.1903, S. 4-5.
- Berta Zuckerkandl (Hg.): Zeitkunst. Wien 1901–1907, Wien 1908.
- Franz Servaes: Klimt-Ausstellung (Sezession), in: Neue Freie Presse (Abendausgabe), 23.11.1903, S. 1-4.
- Ludwig Hevesi: Weiteres zur Klimt-Ausstellung. 21. November 1903, in: Acht Jahre Sezession (März 1897–Juni 1905). Kritik – Polemik – Chronik, Wien 1906, S. 448–452.
- Joris-Karl Huysmans: Gegen den Strich, Bremen 1991.
- Neues Wiener Tagblatt, 16.02.1902, S. 12.
- Johannes Dobai: Gustav Klimt’s Hope I, in: National Gallery of Canada Bulletin, Nummer 71 (1971).
- Alice Strobl: Klimts Irrlichter. Phantombild eines verschollenen Gemäldes, in: Klimt-Studien. Mitteilungen der Österreichischen Galerie, Heft 66-67 (1978/79), S. 119–145.
- Agnes Husslein-Arco, Alfred Weidinger (Hg.): Gustav Klimt 150 Jahre, Ausst.-Kat., Oberes Belvedere (Wien), 13.07.2012–27.01.2013, Wien 2012.
- Alfred Weidinger: Les Belles Dames. Gedanken zum Frauenbildnis bei den Präraffaeliten und Gustav Klimt, in: Agnes Husslein-Arco, Alfred Weidinger (Hg.): Schlafende Schönheit. Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce, Ausst.-Kat., Unteres Belvedere (Wien), 14.06.2010–03.10.2010, Wien 2010, S. 103-110.
- N. N.: Theater- und Kunstnachrichten, in: Neue Freie Presse (Morgenausgabe), 04.04.1901, S. 7.
- N. N.: X. Ausstellung der Vereinigung vom 15. März bis 12. Mai 1901. Liste der verkauften Werke, in: Vereinigung bildender KünstlerInnen Wiener Secession (Hg.): Ver Sacrum. Mitteilungen der Vereinigung bildender Künstler Österreichs, 4. Jg., Heft 12 (1901), S. 209.
- Tobias G. Natter (Hg.): Gustav Klimt. Sämtliche Gemälde, Wien 2017.
- Fritz von Ostini: Die VIII. Internationale Kunstausstellung im kgl. Glaspalast zu München, in: Die Kunst. Monatshefte für freie und angewandte Kunst, 16. Jg., Band 3 (1901).
- Ludwig Hevesi: Haus Wärndorfer, in: Altkunst – Neukunst, Wien 1909, S. 221–227.