Kostbare Bildnisse vornehmer Damen
Gustav Klimt: Porträt Margaret Stonborough-Wittgenstein, 1905, Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Neue Pinakothek München
© bpk | Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Moriz Nähr: Porträt Margaret Stonborough-Wittgenstein, 1905, Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung, aus dem Nachlass von Moriz Nähr
© Bildarchiv und Grafiksammlung, Österreichische Nationalbibliothek
Klimt entwickelte die bereits bei dem Porträt Emilie Flöge eingeführte Ornamentalisierung ab 1904 in Porträt Margaret Stonborough-Wittgenstein und Porträt Fritza Riedler weiter. Hier gewannen der Hintergrund als geometrisch-abstrakte Folie für die naturalistisch behandelte Figur sowie der Einsatz von Gold und Silber zunehmend an Bedeutung und deuteten die Charakteristika der Goldenen Periode an.
Margaret Stonborough-Wittgenstein
Die Familie Wittgenstein gehörte um 1900 zu den reichsten Familien der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Karl Wittgenstein machte sein Vermögen in der Eisen- und Stahlindustrie und war ein wichtiger Sammler moderner Kunst sowie Förderer der Wiener Secession und der Wiener Werkstätte.
Vermutlich beauftragten Karl und seine Frau Leopoldine Wittgenstein Gustav Klimt Anfang des Jahres 1904, damit ihre Tochter Margarethe zu porträtieren. In einem Brief schrieb Klimt an die Mutter:
»Mit größtem Vergnügen bin ich bereit Ihren Auftrag zu übernehmen, falls ein kleiner Aufschub möglich ist. Vor Mitte März werde ich nicht viel machen können.«
Klimt bereitete das Bildnis in gewohnter Manier in einigen Skizzen vor, bei denen er sich vor allem mit der Haltung des Modells und den Details der Kleidung beschäftigte. Die Ausführung des Porträt Margaret Stonborough-Wittgenstein (1905, Neue Pinakothek, München) fand wohl intensiv bis Anfang 1905 statt, als sich Klimt mit einer Leihanfrage an Karl Wittgenstein wandte:
»[…] darf ich mir das in Ihrem Besitze befindliche Bild: ›Goldener Ritter‹ für die Berliner Kunstausstellung erbitten? Ebenso das Porträt Ihrer Frau Tochter, obwo[h]l das Bild noch unfertig ist? – die Ausstellung dauert wahrscheinlich bis November. – ich habe dort einen Saal zu füllen und bräuchte die beiden Bilder dringend.«
Das noch unvollständige Gemälde wurde folglich im Mai 1905 in Berlin in der »II. Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes« präsentiert. Bereits am 7. Jänner des Jahres heiratete Margarethe Wittgenstein den amerikanischen Fabrikanten Jerome Stonborough und anglisierte ihren Namen danach öfters zu Margaret Stonborough-Wittgenstein. Das Ehepaar übersiedelte nach Berlin und die Porträtierte sorgte durch ihre persönliche Anwesenheit auf der Ausstellung für großes Interesse, wie die Neue Freie Presse berichtete. Der damalige Zustand des Gemäldes wurde fotografisch festgehalten und erschien als Reproduktion in der Zeitschrift Kunst und Künstler.
Hinsichtlich seiner Frauenporträts trat Klimt in eine neue Stilphase ein, die er im Porträt Emilie Flöge (1902–1903, Wien Museum) mit der Ornamentalisierung des Kleides vorbereitete und nun in der geometrisch-abstrakten Gestaltung des Hintergrunds fortsetzte. Dabei formulierte er ein Prinzip der Wiener Moderne neu: Den Kontrast von strenger Geometrie mit malerischer Brillanz und naturalistischer Figurendarstellung. So stellte er auch Margaret Stonborough-Wittgenstein in einem duftigen, weißen Kleid und einer Stola dar, dessen Stofflichkeit wie Samt-Jacquard anmutet. Während die Figur – besonders im Bereich des Gesichts und der Hände – höchst naturalistisch wiedergegeben ist, strukturierte Klimt den Hintergrund in Farbzonen. Noch während der Ausstellung kündigte Gustav Klimt in einem Brief an Karl Wittgenstein an, dass er durch die Fertigstellung des Werks das Porträt noch verbessern wolle:
»[…] nicht weil das Bild nicht fertig ist – sondern weil es vor allem noch nicht gut ist […]. Ich hoffe im Herbst nach Schluß [!] der Ausstellung das Bild fertig machen zu können und hoffe weiters, dass es als Porträt noch gut werden soll.«
Im Vergleich mit dem Zustand auf der Fotografie, veränderte Klimt vor allem den Hintergrund. Er fügte im unteren Bilddrittel eine die Farbflächen trennende schwarze Linie mit Schachbrettmusterakzenten ein und ergänzte ornamentale Muster in dem Feld hinter dem Kopf. Zudem versah er das Gemälde links unten mit seiner Signatur und der Datierung 1905 in einem, für die Damenporträts bereits mehrfach verwendeten, quadratischen Signet in Gold.
Gustav Klimt: Porträt Fritza Riedler, 1906, Österreichische Galerie Belvedere
© Belvedere, Wien
Einblick in die Jubiläums-Ausstellung Mannheim, Mai 1907 - Oktober 1907
© Universitätsbibliothek Heidelberg
Fritza Riedler
In der Nachfolge des Porträt Margaret Stonborough-Wittgenstein verstärkte Klimt die kontrastreiche Verbindung der Geometrisierung des Raumes mit der naturalistischen Darstellung des Modells Friederika »Fritza« Riedler. Sie war die Ehefrau des aus Graz stammenden Maschinenbauingenieurs Dr. Aloys Riedler, der an der Technischen Hochschule in München lehrte und später nach Aachen und Berlin berufen wurde.
Klimt bereitete das Porträt Fritza Riedler (1906, Österreichische Galerie Belvedere, Wien) ab 1904/05 in Studien vor, bei denen er mit unterschiedlichen sitzenden und stehenden Posen sowie Kleidungsstücken experimentierte. In der Ausführung des Gemäldes entschied er sich für ein nahezu quadratisches Format und stellte die Porträtierte in einem Fauteuil sitzend dar. Sie trägt ein weißes Kleid, dessen Rüschen, Volants und Maschenapplikationen Klimt wieder sehr stofflich schilderte, sowie ein mehrreihiges Kropfband und eine Kette aus Perlen. Der flächige Aufbau des Hintergrundes wird erst durch die angedeutete Dreieckskomposition der Porträtierten auf dem Sitzmöbel gebrochen, um eine Illusion von Tiefe zu suggerieren. Klimt reduzierte die Präsenz des Sessels durch die Ornamentalisierung des Stoffes, die das Umfeld nahezu auflöst. Dabei wurden die wellen- und mandelförmigen Muster des Stoffes in der Literatur öfters als aus der ägyptischen Hoheitssymbolik entlehnte Horusaugen interpretiert.
Besonders auffallend ist zudem die mosaikartig ornamentierte Fläche, die Fritza Riedlers Kopf hinterfängt und an ein buntes Glasfenster erinnert. Laut Ludwig Hevesi wirkte die Fläche wie ein »Heiligenschein« oder die »ausladenden Frisuren der Velázquez-Infantinnen«. Als Inspirationsquelle diente Klimt womöglich tatsächlich ein Porträt der Infantin Maria Teresa (1652/53, Kunsthistorisches Museum, Wien) des spanischen Hofmalers Diego Velázquez, mit dessen Werk er sich bereits während seiner Studienzeit auseinandergesetzt hatte. Zeitnah zu der Entstehung des Gemäldes Porträt Fritza Riedler reiste Klimt im Frühjahr 1906 nach London, wo er Velázquez‘ Werke – nach Überlieferung von Erich Lederer – ebenfalls besichtigte. Laut Lederer verglich sich Klimt sogar einmal mit dem Maler des spanischen »Siglo de Oro«: »Es gibt nur zwei Maler: Velázquez und mich!«. Ein weiterer wichtiger Impuls in Klimts Schaffen war seine Reise nach Italien, die ihn 1903 nach Venedig und Ravenna führte. Die dort gesehene byzantinische Kunst und »die goldschimmernden Mosaiken« beeinflussten sein Schaffen nachhaltig.
Ein abweichender Zustand des Porträt Fritza Riedler wurde 1918 in der ersten Lieferung der Mappe Das Werk von Gustav Klimt im Kunstverlag Hugo Heller publiziert. Auf der Reproduktion fehlt noch das kleine Quadrat mit seiner Signatur und Datierung 1906, das Klimt am linken Bildrand in die goldene Fläche einfügte. Im fertiggestellten Werk änderte er sonst nur noch wenige Partien, darunter die Quadrate der Wandfläche und die ornamentale Ausführung des »Heiligenscheins«. Vermutlich fügte Klimt die Ergänzungen für die Präsentation des Werks auf oder nach der »Jubiläums-Ausstellung Mannheim« hinzu, die 1907 in der Kunsthalle Mannheim stattfand. Dort wurde auch Klimts Porträt Adele Bloch-Bauer I (1907, Neue Galerie New York) ausgestellt, das als Schlüsselwerk der Goldenen Periode gilt und in dem das Wechselspiel von goldornamentierten Flächen im Kontrast mit naturalistischer Körperlichkeit kulminierte.
Literatur und Quellen
- Christian M. Nebehay (Hg.): Gustav Klimt. Dokumentation, Wien 1969, S. 507, Nr. 10.
- Alfred Weidinger (Hg.): Gustav Klimt, München - Berlin - London - New York 2007.
- Tobias G. Natter, Franz Smola, Peter Weinhäupl (Hg.): Klimt persönlich. Bilder – Briefe – Einblicke, Ausst.-Kat., Leopold Museum (Museums Quartier, Wien), 24.02.2012–27.08.2012, Wien 2012.
- Tobias G. Natter, Gerbert Frodl (Hg.): Klimt und die Frauen, Ausst.-Kat., Oberes Belvedere (Wien), 20.09.2000–07.01.2001, Köln 2000.
- Agnes Husslein-Arco, Alfred Weidinger (Hg.): Gustav Klimt 150 Jahre, Ausst.-Kat., Oberes Belvedere (Wien), 13.07.2012–27.01.2013, Wien 2012.
- Thomas Zaunschirm: Gustav Klimt. Margarethe Stonborough-Wittgenstein. Ein österreichisches Schicksal, Frankfurt am Main 1987.
- Johannes Dobai: Das Bildnis Margaret Stonborough-Wittgenstein von Gustav Klimt, in: Alte und moderne Kunst. Österreichische Zeitschrift für Kunst, Kunsthandwerk und Wohnkultur, 5. Jg., Heft 8 (1960), S. 8-11.
- Brief von Gustav Klimt an Karl Wittgenstein [?], DLSTPW7 (vermutlich Mitte 1905), Privatbesitz, courtesy Klimt-Foundation, Wien.
- Brief von Gustav Klimt an Leopoldine Wittgenstein [?], DLSTPW8 (vermutlich 1904), Privatbesitz, courtesy Klimt-Foundation, Wien.
- Kunst und Künstler. Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe, 3. Jg. (1905).
- N. N.: Eröffnung der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes. Telegramme der "Neuen freien Presse", in: Neue Freie Presse (Morgenausgabe), 20.05.1905, S. 9.
- Kunstverlag Hugo Heller (Hg.): Das Werk von Gustav Klimt, Wien - Leipzig 1918, Tafel 7.
- Elisabeth Kamenicek: Die Wittgensteins als Sammler, Bauherren und Mäzene, in: Bernhard Fetz (Hg.): Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl. Zentralfiguren der Wiener Moderne, Wien 2018, S. 123-147.