Allegorien. Neue Folge
Martin Gerlach (Hg.): Allegorien. Neue Folge, Wien 1896/1900.
© Klimt-Foundation, Wien
Gustav Klimt schuf vier Allegorien für das von Martin Gerlach herausgegebene Mappenwerk Allegorien. Neue Folge (1895/96). Es handelte sich dabei um das Ölgemälde Allegorie der Liebe sowie die drei Zeichnungen zu Junius, Skulptur und Tragödie. Er folgte darin der Idee einer symbolischen Verankerung der Antike in der zeitgenössischen Kunst.
Die ab 1895 vom Verlag Gerlach & Schenk herausgegebene Serie Allegorien. Neue Folge (1895/96) ist eine Fortsetzung der kommerziell erfolgreichen ersten Mappe Allegorien und Embleme (1882). An der zweiten Serie waren bedeutende Gegenwartskünstler wie Franz von Stuck, Gustav Klimt und Koloman Moser beteiligt. Ihre modernen Neuformulierungen symbolischer Begriffe sollten die zeitgenössische Kunst- und Handwerksproduktion an das Niveau der internationalen Moderne anpassen und anhand einer Vorlagensammlung unter Künstlern und Gewerbetreibenden verbreiten. Die Herausgabe der Mappe wurde in zahlreichen Zeitungen beworben. Mit 120 Illustrationen in 20 Lieferungen und einem stolzen Gesamtpreis von 150 Gulden (2.270 Euro) war es eines der umfangreichsten Vorlagenwerke seiner Zeit.
Klimt schuf für das Vorlagenwerk die Zeichnungen Junius (Vorlage zu: Allegorien N.F. Nr. 53) (1896, Wien Museum), eine Allegorie auf den Monat Juni, Allegorien der Sculptur (Vorlage zu: Allegorien N.F. Nr. 58) (1896, Wien Museum) und der Tragödie (Vorlage für: Allegorien N.F. Nr. 66) (1897, Wien Museum) sowie das Ölgemälde Allegorie der Liebe (Vorlage für: Allegorien N.F. Nr. 46) (1895, Wien Museum). Diese vier Werke nehmen eine Schlüsselstellung in der Wiener Moderne ein. Die drei Zeichnungen und das Ölgemälde zeigen Klimts stilistische Neuorientierung, die auf die zunehmende Auseinandersetzung mit dem Symbolismus und somit auf Fernand Khnopff und Jan Toorop verweisen.
Gustav Klimt: Allegorie der Liebe, 1895, Wien Museum
© Wien Museum
Liebe, in: Martin Gerlach (Hg.): Allegorien. Neue Folge, Wien 1896/1900.
© Klimt-Foundation, Wien
Die Allegorie der Liebe
Am deutlichsten wird diese neue stilistische Entwicklung anhand des Ölgemäldes, das als Vorlage für die Allegorie der Liebe entstand. Das Gemälde folgt einer strengen Unterteilung in Bildflächen, wie sie später auch in den Zeichnungen ersichtlich werden sollte. Das Hauptfeld wird von zwei schmalen goldenen Randflächen gerahmt, die mit Rosen, dem Symbol der Liebe, verziert sind. Die dadurch entstandene schmale Fläche im Hochformat zeigt ein Liebespaar kurz vor dem Kuss, das wie eine Traumerscheinung aus dem diffus-nebeligen Hintergrund auftaucht. In der oberen Bildfläche lässt Klimt wiederum Köpfe, verschiedenen Alters erscheinen. Diese dürften als allegorische Bildinhalte konzipiert worden sein, ihre genaue ikonografische Bedeutung bleibt jedoch unklar. Sie weisen bereits auf die verworrenen schwebenden Figurengruppen der Fakultätsbilder hin. Sowohl kompositorisch als auch stilistisch bildet die Allegorie der Liebe somit ein Pendant zu dem im selben Jahr entstandenen Porträt Josef Lewinsky als Carlos in Clavigo (1895, Belvedere, Wien), das ebenfalls als Vorlage für ein Druckwerk geschaffen wurde.
Die Zeichnungen
Eine straffe Ordnung in geometrische Felder charakterisiert bereits das Blatt Junius. Erstmals in einer Zeichnung teilte Klimt die Bildfläche so, dass ein quadratisches Hauptfeld entstand. Die vermehrte Rezeption der Antike, die für Klimt vor allem im Zusammenhang mit der Gründung der Secession vermehrt relevant werden sollte, ist im Blatt Junius bereits zu spüren. So orientierte er sich an der klassischen Zuordnung von Geschlecht und Dekorform nach Vitruv. Dieser hatte die ionische Säule mit den Voluten dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, indem er sie mit der »gracilitas«, der Schlankheit, des weiblichen Körpers verglich. Klimt positionierte in Folge zwei antikisch gekleidete Frauen auf ionischen Kapitellen.
Die Reinzeichnung der Sculptur (Ende 1896) zeigt ähnliche Tendenzen. Die Bildfläche wird abermals in geometrische Bildfelder unterteilt. Vor einer bildparallel abschließenden Wand, welche die Beschriftung trägt, positioniert Klimt einen weiblichen Akt mit einem Apfel in der Hand. Dahinter und über dem Gesims collagiert er Büsten von der Antike bis zum Rokoko zu einem Fries. Sie geben Überblick über die größten Leistungen der Bildhauerei. Klimt erweitert die Kontinuität des Bildraums zusätzlich über den Rahmen hinaus durch den realistischen bekränzten Frauenkopf am unteren Bildrand, der bereits ein Motiv des Fakultätsbildes Die Philosophie (1900–1907, 1945 in Schloss Immendorf verbrannt) vorwegnimmt.
In der Vorlage für die Tragödie als letztes Blatt der Serie wird Klimts Radikalität in der Adaption der neuen Bildsprache des Symbolismus deutlich. Frontal in ihrer strengen Flächenkomposition wird die an Fernand Khnopff erinnernde Figur von einem durch antike Vasenmalerei inspirierten Figurenfries folienartig hinterlegt. In ihrer Gestik und den überlängten Gliedmaßen äußert sich der Einfluss Jan Toorops.
Reinzeichnungen
Von Allegorien. Neue Folge zu Ver Sacrum
Mit der Teilnahme am Mappenwerk Allegorien. Neue Folge sicherte sich Gustav Klimt eine äußerst publikumswirksame Plattform zur Verbreitung seiner neugewonnenen Kunstauffassung. Die Ausstellung der Originalvorlagen für die Mappe im Künstlerhaus 1896 bot Gustav Klimt eine zusätzliche Bühne. Neben den Werken für den ersten Teil des Mappenwerkes Allegorien und Embleme wurden auch Zeichnungen und Gemälde für die neue Folge gezeigt. Besonders Klimts Gemälde Allegorie der Liebe erregte die Aufmerksamkeit der Rezensenten. Das Urteil war jedoch weder besonders schlecht noch überschwänglich. Die Kritiken sind eher durch eine zögernde Unsicherheit geprägt, als wüsste man nicht wie man mit der modernen Kunst umgehen sollte:
»G. Klimt’s [!] mystisches Bild ›Die Liebe‹ (4) wird vielen Beifall, aber vielleicht auch manchen Widerspruch finden. Es ist absonderlich, jedoch gut.«
Die Zusammenarbeit von Klimt und Martin Gerlach setzte sich auch nach Allegorien. Neue Folge fort. Nach der Gründung der Wiener Secession 1897 sollte Gerlach & Schenk den Verlag der Vereinszeitschrift Ver Sacrum übernehmen.
Literatur und Quellen
- Martin Gerlach (Hg.): Allegorien. Neue Folge, Wien 1896/1900.
- Rainer Metzger: Gustav Klimt. Das graphische Werk, Wien 2005.
- Marian Bisanz-Prakken (Hg.): Gustav Klimt. Die Zeichnungen, Ausst.-Kat., Albertina (Wien), 14.03.2012–10.06.2012; Getty Center (Los Angeles), 03.07.2012–23.09.2012, München 2012.
- Alice Strobl (Hg.): Gustav Klimt. Die Zeichnungen, Band I, 1878–1903, Salzburg 1980.
- Ursula Storch (Hg.): Klimt. Die Sammlung des Wien Museums, Ausst.-Kat., Wien Museum (Wien), 16.05.2012–07.10.2012, Wien 2012.
- Oesterreichisch-ungarische Buchhändler-Correspondenz, 37. Jg., Nummer 15 (1896), S. 8.
- Deutsches Volksblatt, 10.09.1896, S. 9.
- Marian Bisanz-Prakken (Hg.): Toorop / Klimt. Toorop in Wenen. lnspiratie voor Klimt, Ausst.-Kat., Gemeentemuseum Den Haag (Den Haag), 07.10.2006–07.01.2007, Den Haag 2006.