Großformatige Allegorien
Gustav Klimt: Tod und Leben (Tod und Liebe), 1910/11 (überarbeitet: 1912/13, 1916/17), Leopold Museum, Patron: Klimt-Foundation, Wien, in: Kunstverlag Hugo Heller (Hg.): Das Werk von Gustav Klimt, Wien - Leipzig 1918.
© Klimt-Foundation, Wien
Mit den beiden großformatigen Allegorien Tod und Leben (Tod und Liebe) und Die Jungfrau schuf Klimt seine ersten Monumentalwerke nach der Goldenen Periode. Die Werke, die von Leben, Liebe und Vergänglichkeit erzählen, entsprechen Klimts Spätstil, der geprägt ist von intensiven, bunten Farben und geometrischen Musterteppichen.
»Diese Bilder hatte ich in Rom ... Böhmen... ›Das Leben‹, ›die Jungfrau‹, ... man kann dabei denken was man will«
Mit 180 x 200 cm Größe ist Tod und Leben (Tod und Liebe) (1910/11, überarbeitet: 1912/13 und 1916/17, Leopold Museum, Wien) das zweitgrößte erhaltene Gemälde Gustav Klimts. Einem Bildkonzept folgend, das Klimt schon ab 1903 mit den Gemälden Hoffnung I (1903/04, National Gallery of Canada, Ottawa) und Hoffnung II (Vision) (1907/08, The Museum of Modern Art (MoMA), New York) erkundet hatte, beschäftigt sich die Darstellung mit dem Themenkreis Geburt, Leben und Tod.
Kompositorisch ist die Darstellung in zwei Teile gespalten. Ein Menschenturm, wie Klimt ihn bereits in seinen Fakultätsbildern vermehrt zum Einsatz brachte, repräsentiert rechts durch verschiedene, eng verbundene Altersgruppen die Seite des Lebens. Links tritt dieser die Figur des Todes als mit einer Kutte bekleidetes Skelett entgegen. Auch in den beiden Hoffnungsbildern hatte Klimt bereits diese Ikonografie für die Versinnbildlichung des Todes gewählt, wobei er sie im Falle von Tod und Leben (Tod und Liebe) noch um eine christliche Symbolik von Kreuzen und einem Heiligenschein erweiterte.
Das Kolorit überrascht, arbeitete Klimt doch gleichzeitig noch an den Entwürfen zu Der Stocletfries (MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien). Anstelle des vielen Blattgoldes, das seit Jahren Klimts Goldener Periode ihren Namen verliehen hatte, traten 1910 leuchtende Farben. Diese ordnete Klimt in Tod und Leben (Tod und Liebe) nach symbolischer Bedeutung. Die kalten, dunklen Farben Blau, Violett, Grün, ergänzt durch Schwarz und Weiß, nutzte er, um das von vielen Kreuzen durchsetzte Gewand des Schnitters zu gestalten. Die warmen Farben, meist Rot-, Rosa-, Orangetöne, wählte er für die Seite der Liebe und des Lebens. Einzige Ausnahme ist die Kleidung der alten Dame, die Aufgrund ihrer Stellung am Ende des Lebens bereits farblich dem Tod zugeordnet wird.
Spätere Überarbeitungen – Vom Leben zur Liebe
Die Genese des Werkes ist geprägt durch mehrfache, teilweise großflächige Überarbeitungen des Bildes. Das Aussehen der ersten Version der Komposition ist durch eine Schwarz-Weiß-Reproduktion in der vierten Lieferung der Miethke-Mappe sowie eine Fotografie von Moriz Nähr und aus Ausstellungsansichten der »Internationalen Kunstaustellung in Rom« 1911 und der »Großen Kunstaustellung Dresden« 1912 belegt. Eine farbige Version des ersten Zustands wurde außerdem in der Zeitschrift Kunst für alle vom Herbst 1913 publiziert.
Einblick in die Internationale Kunstausstellung in Rom, März 1911 - Dezember 1911
© ANNO | Österreichische Nationalbibliothek
Neueste Ergebnisse der Forschung nehmen an, dass eine erste Überarbeitung des Gemäldes bereits 1912/13 erfolgte. Spätestens nach Ende der »Dresdner Ausstellung« Mitte Oktober 1912 hätte Klimt mit den Arbeiten beginnen können. Am 4. März 1913 scheinen die Überarbeitung bereits in vollem Gange zu sein, als Klimt an Emilie Flöge schreibt:
»Plage mich fruchtlos mit den Todten [!] herum«
Es scheint naheliegend, dass Klimt die zweite Version noch vor der Eröffnung einer geplanten Ausstellung in Budapest am 8. März fertigbringen wollte. Leider ist der Zustand, in dem das Gemälde dort gezeigt wurde, nicht fotografisch belegt. Auch der Titel des Werkes änderte sich mit den vorgenommenen Umstellungen. War es bisher unter dem Titel »Tod und Leben« ausgestellt worden, so wurde es ab 1913 kontinuierlich als »Tod und Liebe« bezeichnet. Die geänderte Bezeichnung deutet darauf hin, dass die Veränderungen nicht nur aus ästhetischen, kompositorischen Gründen vorgenommen worden waren, sondern auch auf eine neue inhaltliche Zielsetzung des Künstlers hinweisen.
Gustav Klimt: Tod und Leben (Tod und Liebe), 1910/11 (überarbeitet: 1912/13, 1916/17), Leopold Museum, Patron: Klimt-Foundation, Wien, in: Berliner Secession (Hg.): Wiener Kunstschau in der Berliner Secession Kurfürstendamm 232, Ausst.-Kat., Ausstellungshaus am Kurfürstendamm (Berliner Secession, Berlin), 08.01.1916–20.02.1916, Berlin 1916.
© Klimt-Foundation, Wien
Die nächste visuelle Dokumentation eines Zwischenzustandes findet sich erst 1916 im Katalog der »Wiener Kunstschau in der Berliner Secession«. Schiele schreibt im Zuge der Ausstellung, Klimts Gemälde sei »ganz umgemalt«. Ob es sich hierbei um die Fassung von 1913 oder eine abermalige Überarbeitung handelt, kann nicht festgestellt werden. Die Schwarz-Weiß-Abbildung zeigt jedoch weitreichende Veränderungen am Werk. Vor allem die Figur des Todes wurde vom Maler grundlegend überarbeitet. Senkt er in der ersten Version noch passiv den Kopf mit dem Heiligenschein, so schwingt er 1916 bereits die Keule und hebt seinen zu einer Fratze verzogenen Totenschädel bedrohlich zu der Menschengruppe. Im Bereich der Lebenden ergänzte Klimt rechts und links noch weitere Figuren. Die Gruppe verändert sich so von einer konischen zu einer eher ovalen Form. Außerdem kürzte er die Haare der jungen Frau in den Armen des Mannes. Bei beiden Figurengruppen veränderte er zudem die Musterung der Gewänder.
Gustav Klimt: Tod und Leben (Tod und Liebe), 1910/11 (überarbeitet: 1912/13, 1916/17), Leopold Museum, Patron: Klimt-Foundation, Wien
© Leopold Museum, Wien
Nach der Ausstellung sollte Klimt das Gemälde abermals umgestalten. In der finalen Fassung des Gemäldes kam noch ein Mädchen in der oberen linken Ecke hinzu. Diese stark an die linke Frau aus dem Gemälde Freundinnen II (1916/17, 1945 in Schloss Immendorf verbrannt) erinnernde Figur wird von einem Rosenbusch umfasst, der formal an die Rosen im Stocletfries (1905–1911, Privatbesitz) denken lässt. Durch diese Ergänzung vollendete Klimt die bereits begonnene ovale Form des Menschenpulks. Fotografien von der »Österreichischen Kunstausstellung« in Stockholm belegen, dass das Werk spätestens im September 1917 endgültig vollendet war.
Der Preis des immer wieder zum Verkauf angebotenen Monumentalwerks belief sich auf rund 26.000 Kronen (ca. 160.000 Euro). In Hans Böhler fand es, vermutlich noch vor der Ausstellung in Stockholm, einen Käufer.
Gustav Klimt: Die Jungfrau, 1913, Národní Galerie
© Národní galerie Prag
»Und zwischen phantastischen Märchenblumen die Jungfrau«
Gleichzeitig zum Porträt Mäda Primavesi (1913, The Metropolitan Museum of Art, New York) und der zweiten Fassung von Tod und Leben (Tod und Liebe) arbeitete Gustav Klimt an der mehrfigurigen Allegorie Die Jungfrau (1913, Národní Galerie, Prag). Gemeinsam mit Tod und Leben (Tod und Liebe) und dem unvollendeten Werk Die Braut (1917/18, Klimt-Foundation, Wien) bildet Die Jungfrau ein Dreigespann von figuralen Hauptwerken im Spätwerk Klimts. Thematisch vereinen sie jene Gesichtspunkte, die das Œuvre des Malers schon seit fast zwei Jahrzehnten verfolgten: Tod und Leben sowie das Frauenbild um 1900.
Mit dem Gemälde Die Jungfrau wandte sich Gustav Klimt endgültig der expressiven Farbigkeit der Fauvisten zu, ohne jedoch auf die für ihn charakteristischen Ornamentteppiche zu verzichten. Insgesamt sieben Frauen stellte Gustav Klimt für seine Komposition auf buntgemusterten Decken zusammen, während der Hintergrund kontrastierend in dunklen Farben gehalten ist. Eine solche kontrastreiche Gestaltung von Figurengruppe und Hintergrund ist bereits in den Werken Hoffnung II (Vision) und Tod und Leben (Tod und Liebe) zu finden und sollte sich in Folge in seinem Werk Die Braut fortsetzen.
Mit der titelgebenden Jungfrau ist wohl die zentrale Frauengestalt gemeint. Wie auch schon bei Tod und Leben (Tod und Liebe) werden die Figuren und Stoffe in eine ovale Form eingeschrieben. Die kreisförmig angeordneten Körper sowie die Kringeln auf den Gewändern scheinen die Komposition in eine pulsierende, drehende Bewegung zu versetzen.
Bei näherer Betrachtung fügen sich die Menschenleiber zur Form einer weiblichen Vulva zusammen. Die im oberen Bilddrittel zusammengepressten Köpfe gruppieren sich zu einer klitorisförmigen Knospe, während die Rückenakte als Schamlippen das blaue Gewand der Protagonistin umschließen, welches vermutlich das Innere der Schamlippen symbolisiert. Klimt, der das weibliche Geschlecht bereits in zahlreichen erotischen Zeichnungen festgehalten hatte, umging durch diese subtile Andeutung die Zensur. Während seine Studien für die Komposition alle deutlich die weibliche Scham zeigen, bedeckt er diese im Gemälde durch bunte Tücher. Eine Ausnahme bildet die brünette kauernde Frau rechts über der Jungfrau. Bei genauerer Betrachtung kann man unter dem Ellenbogen der zentralen Figur ein braunes Dreieck erkennen, welches sich bei näherer Beobachtung als Schamhaare der Kauernden entpuppt. Eine solche explizite Zurschaustellung des weiblichen Geschlechts konnte Klimt nur riskieren, indem er es durch die Mannigfaltigkeit seiner Ornamente verschleierte. Ein Münchner Kunstkritiker erkannte treffend, dass Klimt seine Bildinhalte weise zu verstecken wusste:
»Ueber [!] die preziöse Sinnbildlichkeit, die Erotik, die Vorliebe Klimts seine im Grunde mit glänzender Meisterschaft gezeichneten Figuren so zu verstecken, zu verdrehen und überschneiden zu lassen, daß [!] man sie wie Vexierbilder suchen und ausdeuten muß [!], kann man freilich verschiedener Meinung sein.«
Die schlafende Jungfrau wird also umgeben von einem Traumgebilde, das auf ihre schlummernde Sexualität hinzuweisen scheint und gleichzeitig als erotischer Traum verstanden werden kann: ein Sujet, das Klimt bereits in seiner Danaë (1907/08, Privatbesitz) verarbeitet hatte. Das Gemälde wurde von Zeitgenossen als gefälliges »Farbrätsel« abgetan, die Anspielung auf die weibliche Sexualität blieb – trotz des Titels – weitgehend unkommentiert:
»Klimt ist einer jener Meister, die in einem ihrer Bilder Rätsel lösen, bald wieder im anderen Farbenrätsel zu lösen geben. Was uns unendlich kompliziert erscheint, ist bei ihm im Grunde einfach. Und wie umgeht er alle Absonderlichkeit der Farben zu wundersamer Einheit. Die ›Jungfrau‹ ist solch ein Farbenrätsel.«
Das Gemälde war erstmals Anfang März 1913 im Künstlerhaus in Budapest ausgestellt. Der Kaufpreis betrug dieselbe Summe wie jener von Tod und Leben (Tod und Liebe). Mit einem Preis von je 25.000 Gulden (ca. 153.700 Euro) gehörten die beiden zu den teuersten Gemälden der gesamten Ausstellung.
Danach wurde das Gemälde noch in München und 1914 in Prag präsentiert, wo es von der dortigen Modernen Galerie (heute: Národní Galerie, Prag) – die sich zuvor bereits um einen Ankauf des Gemäldes Der Kuss (Liebespaar) (1908/09, Belvedere, Wien) bemüht hatte – angekauft wurde.
Literatur und Quellen
- Jane Kallir: Akte, in: Agnes Husslein-Arco, Jane Kallir, Alfred Weidinger (Hg.): Klimt, Schiele, Kokoschka und die Frauen, Ausst.-Kat., Unteres Belvedere (Wien), 22.10.2015–28.02.2016, München 2015, S. 172-179.
- Alice Strobl (Hg.): Gustav Klimt. Die Zeichnungen, Band II, 1904–1912, Salzburg 1982.
- Tobias G. Natter (Hg.): Gustav Klimt. Sämtliche Gemälde, Wien 2012.
- Alfred Weidinger, Michaela Seiser, Eva Winkler: Kommentiertes Gesamtverzeichnis des malerischen Werks, in: Alfred Weidinger (Hg.): Gustav Klimt, München - Berlin - London - New York 2007, S. 232-313.
- Franz Smola: Tod und Leben, 1910/11, umgearbeitet 1915/16, in: Tobias G. Natter, Elisabeth Leopold (Hg.): Gustav Klimt. Die Sammlung im Leopold Museum, Wien 2013, S. 216-217.
- Ansichtskarte von Gustav Klimt in Wien an Emilie Flöge in Paris, 2. Karte (Morgen) (03/04/1913). Autogr. 959/47-8, Österreichische Nationalbibliothek, Sammlung von Handschriften und alten Drucken.
- Brief mit Kuvert von Egon Schiele in Wien an Anton Peschka in Wieselburg an der Erlauf (10/03/1916). LM 4503.
- N. N.: Ein Besuch bei Gustav Klimt, in: Neues Wiener Journal, 11.02.1913, S. 4-5.
- Akt betreffend den Ankauf von Kunstwerken für die Moderne Galerie durch das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht (16.07.1908). AT-OeStA/AVA Unterricht UM allg. Akten 3446, Zl.32.554/1908 fol. 1+2, Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungs-, Finanz- und Hofkammerarchiv (AVA).
- F. v. O.: XI. Internationale Kunstausstellung im Glaspalast. Oesterreich-Ungarn, in: Münchner neueste Nachrichten: Wirtschaftsblatt, alpine und Sport-Zeitung, Theater- und Kunst-Chronik (Morgenausgabe), 12.08.1913, S. 1-2.