Nachlass
Moriz Nähr: Gustav Klimt vor seinem Atelier in der Feldmühlgasse, Mai 1917, Klimt-Foundation
© Klimt-Foundation, Wien
Der Nachlass Gustav Klimts umfasste neben einer bescheidenen Geldrücklage zahlreiche unvollendete und unverkaufte Gemälde sowie unzählige Zeichnungen. Das Erbe wurde unter seinen vier Geschwistern, seiner Nichte Helene Donner, deren Tante Emilie Flöge und seinen unehelichen Kindern aufgeteilt.
Klimt hinterließ nach seinem Tod kein opulentes Vermögen, wie es sein Status als international anerkannter Maler vermuten lassen würde. Der stets spendable Künstler hatte neben sich selbst, seinen zwei unverheirateten Schwestern, seiner Mutter, seiner Nichte und deren Mutter noch drei Frauen mit seinen insgesamt fünf unehelichen Kindern zu erhalten. Das und die finanzielle Notlage in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 hatten nicht zugelassen, dass sich Klimt große Rücklagen ansparen konnte. So verzeichnet die Todesfallanzeige nur Vermögen in Form von: »60.000 K[ronen], Zeichnungen u[nd]. einigen Bildern, Kleidung u[nd]. Wäsche«.
Die Rücklagen auf Klimts Sparkonto beim Bankhaus M. Gerstbauer betrugen also nur rund 33.330 Euro. Die Wohnung in der Westbahnstraße 36 und das Atelier in der Feldmühlgasse 9 (heute: Nr. 11) waren nur angemietet worden, gehörten also nicht zum vererbbaren Besitz. Von großem Wert waren demnach nur die unvollendeten Werke und jene Gemälde und Zeichnungen, die Klimt noch unverkauft in seinem Atelier zurückließ.
Neben Klimts vier noch lebenden Geschwistern: Georg, Hermine und Klara Klimt sowie Johanna Zimpel, wird in der Todesfallanzeige auch noch seine Nichte Helene Klimt jun. als rechtmäßige Erbin genannt. Als einzige Tochter von Klimts verstorbenem Bruder Ernst hatte sie Anspruch auf jenen Erbanteil der sonst ihrem Vater zugestanden wäre.
Todesfallanzeige von Gustav Klimt
Die Stückelung des Erbes
Die genaue Aufteilung des Erbes ist nicht belegt. Leihgeberscheine – vor allem jene der großen Gedächtnisausstellungen 1928 und 1943 – Nachlasstempel, Autografen und Zeitgenossenberichte geben jedoch einen ungefähren Eindruck über die Verteilung des Vermächtnisses. Laut einer Aussage der Nichte des Künstlers war es Carl Moll, der die Zeichnungen unter den Geschwistern und Emilie Flöge – die eigentlich rechtlich kein Anrecht auf eine Beteiligung am Erbe hatte – aufteilte. Hauptverantwortlicher für die Erbangelegenheiten Gustav Klimts war jedoch der Jurist Dr. Otto Ekstein.
Bis auf wenige Einzelstücke wurden alle Gemälde aus dem Nachlass bereits 1919 verkauft und der Gewinn unter den Erben aufgeteilt. Klimts Angehörige dürften sich jedoch vereinzelte Stücke von persönlichem Wert ausgewählt und behalten haben. Dies würde erklären, warum keiner der Geschwister oder Mitglieder der Familie Flöge zu Lebzeiten eines dieser Werke veräußerte.
Klimts Korrespondenzen hingegen waren zum Großteil noch ungeöffnet nach dessen Tod vernichtet worden. Daher gibt es bis heute kaum Autografen, die an den Künstler adressiert sind.
Hermine, Anna und Klara Klimt in der Familienwohnung Westbahnstraße 36 (Detail)
© Klimt-Foundation, Wien
Hermine und Klara Klimt
Aus zahlreichen Quellen geht hervor, dass die beiden Schwestern Hermine und Klara wohl einige Zeichnungen, das Gemälde ihrer Mutter Porträt Anna Klimt (1897/98, Verbleib unbekannt), drei kleinformatige Landschaftsbilder Stiller Weiher (vermutlich 1881, Privatbesitz), Waldboden (1881/82, Klimt-Foundation, Wien) und Waldinneres (1881/82, Hida Takayama Museum of Art) sowie das von Ernst Klimt gemalte Porträt des Vaters erhielten. Außerdem übernahmen sie den Mietvertrag für die Wohnung in der Westbahnstraße und dürften das gesamte Mobiliar, darunter auch Stücke der Wiener Werkstätte, behalten haben. Während das Porträt der Mutter lange Zeit im Wohnzimmer der Familie über dem Esstisch hing, verkauften die beiden unverheirateten Frauen die meisten Zeichnungen ihres Bruders noch während der Inflation, um sich so über Wasser zu halten. Die Zeichnungen aus diesem Bestand sind auch heute noch gut durch den handschriftlichen Vermerk »Nachlass meines Bruders Gustav Hermine Klimt« zu erkennen. Hermine dürfte sowohl ihren, als auch den Erbanteil ihrer Schwester Klara verwaltet haben. Diese war bereits seit Jahren psychisch krank und daher vermutlich nicht in der Lage ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln.
70. Geburtstag von Anna Klimt mit ihrer Familie, 27.01.1906, ARGE Sammlung Gustav Klimt, Dauerleihgabe im Leopold Museum, Wien: Johanna Zimpel mit ihren Kindern bei der 70. Geburtstagsfeier ihrer Mutter, 1906
© Leopold Museum, Wien
Johanna Zimpel
Die jüngste Schwester von Gustav Klimt erbte ebenfalls überwiegend Zeichnungen. Gemälde kamen nur wenige in ihren Besitz. Es handelte sich um kleinformatige Ölskizzen aus der frühen Schulzeit: Männerakt nach rechts (um 1883, Privatbesitz) und einige Döschen mit Miniaturen auf Elfenbein. Zudem erhielt Johanna einen Großteil der persönlichen Gegenstände ihres Bruders, wie ein Petschaft, Zeugnisse, Fotografien und exotische Kunstobjekte aus dem Atelier des Künstlers, darunter eine große rot-schwarze Samurai-Rüstung. Nach dem Tod der beiden Schwestern 1938, ging außerdem das Porträt Anna Klimt in ihren Besitz über, das fortan im Wohnzimmer der Wohnung in der Mollardgasse hing.
Johannas Söhne interessierten sich ebenfalls für die Verlassenschaft ihres Onkels. Besonders ihr zweitältester, Rudolf Zimpel, übernahm bereits zu Johannas Lebzeiten einen Großteil des Erbes, beschriftete und verkaufte Teile der Sammlung. Vorwiegend auf Zeichnungen sowie auf dem Männerakt finden sich daher die Stempel »Nachlass Gustav Klimt Sammlung R. Zimpel« und seltener »JOHANNA ZIMPEL« sowie der handschriftliche Vermerk »Nachlaß Gustav Klimt Zimpel Gustav«. Die eingangs erwähnte Samurai-Rüstung verkaufte Rudolf 1945 an die Böhlerwerke in Kapfenberg.
Georg Klimt
© Leopold Museum, Wien
Georg Klimt
Gustavs Bruder Georg erbte, soweit es heute beurteilt werden kann, ausschließlich die Ateliermöbel seines Bruders, die er ab diesem Zeitpunkt in seinem eigenen Atelier in der Neulinggasse benutzte, sowie mehrere Zeichnungen. Darunter befand sich auch jene Kreidezeichnung, die angeblich die bereits als Kind verstorbene jüngste Klimt Schwester Anna darstellt und diverse naturalistische Köpfe die den Titel »Die schöne Wienerin« trugen und eventuell zu einem bisher nicht aufgefundenen Mappenwerk gehörten. Sowohl Georg als auch seine Frau Franziska bescheinigten bei Verkauf die Echtheit der Blätter mit den handgeschriebenen Zeilen: »Von Gustav Klimt gezeichnet Georg Klimt« und »Zeichnungen Gustav Klimt bestätigt Franziska Klimt«. Nach dem Tod Georgs 1931 erbte Franziska alle Blätter ihres Schwagers. Immer wieder verkaufte sie diese aufgrund von Geldnot, war jedoch nicht bereit einen gewissen Preis zu unterschreiten. So schrieb sie im Dezember 1934 an den Sekretär des Künstlerhauses:
»Wäre es nicht möglich mir eine [...] bescheidene Geldaushilfe zukom[m]en zu lassen. Ich möchte gerne hiefür [!], wenn angenehm, eine Zeichnung von Gustav Klimt geben, die wenn Käufer kämen, das Stück ausgesucht, unter S[chilling] 100. [Anm.: ca. 560 Euro] nicht verkaufen dürfte.«
Alle Zeichnungen die Georgs Witwe zu Lebzeiten nicht veräußerte, vermachte sie dem Historischen Museum der Stadt Wien (heute: Wien Museum).
Helene Klimt mit ihrer Cousine Gertrude Flöge am Attersee im Ruderboot, um 1912
© Klimt-Foundation, Wien
Helene »Lentschi« Klimt
Die Rolle von Helene Klimt im Leben Gustav Klimts reichte in der Realität weit über die einer Nichte heraus. Klimt hatte seinerseits für Helene – liebevoll auch »Lentschi« genannt – als Kleinkind die Vormundschaft übernommen. Daher hatte er stets mehr eine Vaterrolle für die Halbwaise bekleidet als die eines Onkels. Auch von den Zeitgenossen wurde diese Bindung so empfunden, bezeichnete sie doch ein schlecht informierter Journalist 1912 in seiner Berichterstattung als »Fräulein Klimt – die Tochter des Malers Gustav Klimt«.
Die Bestimmung ihres Anteils am Nachlass gestaltet sich als besonders schwierig, da sie gemeinsam mit ihrer Tante Emilie in einer Wohnung lebte. Es ist also kaum abzuschätzen, welcher Teil des Erbes Emilie und welcher Teil Helene zugekommen war. Zudem hatte Emilie vermutlich zeitweise auch die Verwaltung des Erbanteils der erst seit wenigen Jahren volljährigen Helene mitübernommen.
Einige Ölgemälde können jedoch zweifelsfrei dem Besitz von Helene Donner, geb. Klimt, zugeordnet werden. Neben ihrem Porträt als junges Mädchen, welches ihre Mutter schon zu Klimts Lebzeiten besessen hatte, erhielt sie aus dem Nachlass mindestens ein Gemälde. Die Landschaft Birke am Attersee (Stilles Wasser) (1901, Verbleib unbekannt) wird in den Gedächtnisausstellungen 1928 und 1943 eindeutig als ihr Besitz ausgewiesen.
Spätestens nach dem Tod ihrer Tante Emilie 1952 verfügte Helene über den gesamten Nachlass im Besitz der Familie Flöge. Dieser war jedoch erheblich geschmälert worden, nachdem ein Großteil dessen 1945 im Zuge eines Brandes vernichtet worden war.
Emilie Flöge und Gustav Klimt im Garten der Villa Oleander, Sommer 1910, Klimt-Foundation
© Klimt-Foundation, Wien
Das Erbe der »Ewigen Braut«
Schon vor der endgültigen Abhandlung der Verlassenschaft dürfte es für die Zeitgenossen Klimts klar gewesen sein, dass seine langjährige Wegbegleiterin Emilie Flöge eine der Haupterben sein sollte. So riet beispielsweise Josef Hoffmann dem Sekretär des Hagenbundes Josef Krzizek bereits am 13. Februar 1918 er solle das Geld aus Zeichnungsverkäufen des verstorbenen Künstlers am besten an Emilie Flöge senden.
Obwohl Emilie rechtlich überhaupt nicht zur engeren Familie zählte, wurde sie von ihrem Umfeld als engste Bezugsperson von Gustav Klimt angesehen. Ihre Rolle ging inoffiziell stets über die einer Schwippschwägerin hinaus. Otto Wagner äußerte sich am 8. Februar 1918 über die für die damalige Zeit unverständlich Beziehung zwischen Klimt und Emilie:
»Der Mirl, (Klimts ewiger Braut) schrieb ich heute einen sehr schönen Brief. Ich finde es von Klimt direkt verabscheuungswürdig, daß er sie nicht heiratete. Ich kenne mich in dem Verhältnis überhaupt nicht aus. Wir waren doch vor 6 bis 7 Jahren zusammen in Gastein und glaubten immer, endlich gehts los.«
Tatsächlich wird Emilie jedoch nicht in der Verlassenschaft als erbberechtigt angeführt. Allein rechtlich wäre sie hierzu auch nicht befugt gewesen. Dokumente belegen jedoch, dass sich bedeutende Gemälde aus dem Nachlass in ihrem Besitz befanden. Ob Emilie nachträglich noch einen Anspruch auf die Erbschaft gestellt hatte oder ob ihre Nichte ihren Erbanteil informell mit ihrer Tante geteilt hatte, kann leider heute nicht mehr eruiert werden.
Jedenfalls besaß Emilie neben einigen Werken, die ihr der Künstler bereits zu Lebzeiten vermacht hatte wie Obstgarten (um 1898, Leopold Museum, Wien) und Porträt Pauline Flöge am Totenbett (1917, 1945 in Wien verbrannt) auch Gemälde aus dem Nachlass. Nachweisbar gehörte ihr Der schwarze Stier (1900, Privatbesitz), Birnbaum (1903, Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Cambridge) sowie seine letzte große Allegorie Die Braut (1917/18, Klimt-Foundation). Vermutlich sahen es viele der Zeitgenossen als passend an, dass Emilie – die von Bekannten öfters mit Grillparzers ewiger Verlobter Kathi Fröhlich verglichen und als »ewige Braut« des Künstlers bezeichnet wurde – eine Allegorie auf die Braut als letztes Andenken erhalten sollte.
Zudem besaß sie eine große Menge an Zeichnungen, die sie über die Jahre immer wieder an Ausstellungen verlieh sowie über den Kunsthandel verkaufte. Auch den Mietvertrag der letzten Werkstatt des Künstlers in Hietzing hatte sie übernommen. Egon Schiele, der sich um den Ankauf des Ateliers seines verehrten Vorbildes bemühte, erfuhr von Felix Harta, dessen Schwiegermutter das Gebäude vermietete:
»[...] dass das Klimthaus bis Februar 1919 an die Erben Klimts vermietet ist. Sie [Anm.: Hartas Schwiegermutter] hätte Fräulein Flöge die Zusage gemacht, sie in keiner Weise zum Verlassen des Hauses zu drängen, bez[iehungsweise] sie nicht zu kündigen«.
Es war auch Emilie Flöge, die noch im Februar des genannten Jahres die Aufkündigung des Vertrags unterzeichnete. Während die dortigen Wiener Werkstätte Möbel an Georg Klimt gegangen waren, befand sich der Großteil der asiatischen Sammlung Klimts, inklusive Kimonos, Vasen und Rollbilder von da an im Besitz der Flöge-Familie. Emilie bewahrte diese Sachen, laut einem zeitgenössischen Bericht, in den Wohnräumen der Casa Piccola in einem schreingleichen Zimmer auf, welches auch das »Klimtzimmer« genannt wurde. Die exotischen Gewänder wurden regelmäßig gelüftet, die Zeichnungen waren dort in Mappen und Schubladen gelagert, darunter auch Skizzen für die Zwickel des k. k. Kunsthistorischen Museums. Nach der Schließung des Modesalons 1938 übersiedelte die Familie in die Ungargasse 39 im 3. Wiener Gemeindebezirk. Der Klimt-Nachlass im Besitz der Familie Flöge verbrannte 1945, als die dortige Wohnung im Kriegsgeschehen zerstört wurde. Alles, was Emilie und Helene nicht in den Kriegsjahren an den Attersee mitgenommen hatten, war somit für die Nachwelt verloren.
Moriz Nähr: Gustav Klimt mit Katze vor seinem Atelier in der Josefstädter Straße, Mai 1911, Klimt-Foundation
© Klimt-Foundation, Wien
Nachlassaustellung bei Gustav Nebehay
Vermutlich um Streitigkeiten in Bezug auf die Wertigkeit einzelner Gemälde zu vermeiden und eine gerechte Aufteilung des Nachlasses zu erwirken, entschieden sich die Klimt-Erben dazu eine Verkaufsausstellung der restlichen Verlassenschaft zu veranstalten. Familie und Angehörige wendeten sich dafür an den Kunsthändler Gustav Nebehay. Dieser war mit Klimt bekannt gewesen und sammelte auch selbst Werke des befreundeten Malers.
Am 6. Februar 1919 eröffnete unter dem Titel »Gedächtnis = Ausstellung Gustav Klimt« eine Schau mit dem Ziel den Nachlass des Künstlers so gut wie möglich zu verkaufen. Neben rund 20 Gemälden, wurden auch etliche Zeichnungen sowie die asiatische Kunstsammlung und die Bibliothek Klimts angeboten. Die Werke wurden mit einem Stempel »GUSTAV KLIMT NACHLASS« gekennzeichnet. Klimts letzte große Gemälde, darunter Baby (1917/18, National Gallery of Art, Washington), Gastein (1917, verbrannt auf Schloss Immendorf 1945) sowie die unvollendeten Werke Adam und Eva (1916–18, Belvedere, Wien), Dame in Weiß (1917/18, Belvedere, Wien) und Gartenlandschaft mit Bergkuppe (Pfarrgarten) (1916, Kunsthaus Zug) wurden zu enormen Preisen verkauft. Der Marktwert der teilweise unvollendeten Werke überstieg laut Zeitungsberichten jenen zu Klimts Lebzeiten um ein Vielfaches:
»[…] die Einzelpreise dieser Fragmente und Ruinen überstiegen die Summe, um die man vor wenig mehr als Jahresfrist vollgültige Werke im Atelier des Meister erwerben konnte, um das Fünf- bis Sechsfache, der Gesamterlös ist wahrscheinlich nicht viel kleiner als was Klimt zeitlebens für seine Arbeiten verdient hat. All dies ist im Interesse seiner in dürftigen Umständen zurückgeblieben Erben überaus erfreulich.«
Einblick in die Gustav-Klimt-Gedächtnisausstellung, Februar 1919 - März 1919
© Klimt-Foundation, Wien
Käufer waren allen voran die bereits etablierten Klimt-Sammler, die Familien Lederer und Primavesi sowie Sonja Knips. Wie genau der Erlös unter den Erben aufgeteilt wurde ist nicht bekannt. Fest steht jedoch, dass auch nach dem Ende der Ausstellung die Zusammenarbeit mit Gustav Nebehay nicht beendet war. Am 10. März 1919 schrieb Emilie Flöge an Georg Klimt:
»Herr Nebehay schreibt mir, dass er die Ausstellung geschlossen hat, und er möchte mir, ehe er die nicht verkauften Sachen zurück schickt, folgenden Vorschlag machen. Er würde ca. 300 Stück Zeichnungen aller Qualitäten zurück behalten, und sie weiterhin für die Erben Klimts verkaufen. [...] Bitte mir mitzuteilen, ob Du damit einverstanden bist und vielleicht könntest Du Dich auch mit Deinen Schwestern darüber besprechen, und mir Deinen Entschluss bald bekannt geben.«
Maria Ucicka mit ihrem Sohn Gustav Ucicky (Detail) fotografiert von Karl Strempel, um 1900, Klimt-Foundation, Wien
© Klimt-Foundation, Wien
Maria Zimmermann mit ihrem Sohn Gustav Zimmermann (Detail) fotografiert von S. Fleck, um 1903, Klimt-Foundation, Wien
© Klimt-Foundation, Wien
Consuela Huber, Klimt-Foundation, Wien
© Klimt-Foundation, Wien
Dieses Schreiben belegt auch, dass sowohl die Klimt Geschwister, als auch die Familie Flöge an dem Verkauf des Erbes mitgewirkt und sich geschlossen an Nebehay gewandt hatten.
Uneheliche Kinder und Erbstreitereien
Obwohl die Erbfolge auf den ersten Blick gut geregelt scheint, stellte sich der Prozess jedoch anscheinend schwieriger heraus als gedacht. Julius Zimpel – der Sohn von Gustavs jüngster Schwester Johanna – schrieb im November 1918, also neun Monate nach dem Tod des Künstlers:
»Die Ordnung der Verlassenschaft meines Onkels brachte eine Kette von Unannehmlichkeiten und Prozessen, wer weiß das, wie lange sich das noch hinauszieht.«
Mit diesen Zeilen bezieht sich Julius Zimpel vermutlich auf den Rechtsstreit um den Erbanteil von Gustav Klimts unehelichen Kindern.
Familien Zimmermann, Ucicky und Huber
Obwohl in der Todesfallanzeige keinerlei Nachkommen – außerehelich oder nicht – angeführt werden, gab es drei Mütter, die Anspruch auf einen Teil des Erbes für ihre Söhne erhoben. Sowohl Gustav Zimmermann, Gustav Ucicky, als auch Gustav und Wilhelm Huber waren in der Tat uneheliche Kinder Klimts, für die er Zeit seines Lebens auch regelmäßig Alimente gezahlt hatte. Vermutlich hatten sich die drei Mütter – Consuela Huber, Marie Zimmermann und Maria Ucicky – gemeldet, als in der Wiener Zeitung am 13. März 1918 das erste Mal gefordert wurde, man möge seine Ansprüche an der Verlassenschaft Gustav Klimts bis zum 6. Mai beim Bezirksgericht Neubau geltend machen und belegen. In den folgenden Monaten kam es zu einem Tauziehen um Vaterschaftsnachweise, Ansprüche und Auszahlungssummen. Mehrere Briefe von Maria Zimmermann und Maria Ucicky an diverse Anwälte belegen, dass sich der Prozess der Geltungsmachung eines Erbanspruches für ein uneheliches Kind als äußerst schwierig erwies und die Einschaltung eines eigenen Anwaltes erforderte.
Im Juni 1919 hatte der Vormund Gustav Zimmermanns, Rudolf Eigner, für diesen 10.000 Kronen (ca. 2.000 Euro) beansprucht. Maria Zimmermann hatte bereits zuvor zum Beleg der Vaterschaft Gustav Klimts ihre persönlichen Briefe an ihren Rechtsanwalt geschickt. Am 29. Oktober 1919, also über ein Jahr nach dem Tod des Künstlers, wurden den beiden Huber Kindern (6 und 2 ½ Jahre alt) jeweils 5.000 Kronen – also kaum 1.000 Euro – zugesprochen. Gustav Ucicky, der bereits 20 Jahre alt war, aber aufgrund der damaligen Gesetzeslage bis zu seinem 21. Lebensjahr noch als minderjährig galt, erhielt nur 4.000 Kronen, also knappe 850 Euro. Derselbe Betrag wurde auch dem gleichaltrigen Gustav Zimmermann angeboten. Mehr, so die Aussage Dr. Eksteins, könnten die Erben nicht abtreten. Das Angebot sollte bis 10. November bestehen bleiben. Erst im Dezember 1919 konnte die Angelegenheit schlussendlich final geregelt werden. Gustav Zimmermann erhielt 5.000 Kronen, also knapp 1.000 Kronen mehr als ihm ursprünglich zugesagt worden waren, aber nur die Hälfte von dem, was er sich ursprünglich erwartet hatte.
In Anbetracht der enormen Summen, die die Familien Flöge und Klimt aus den Verkäufen der Nachlassausstellung erhalten haben müssen, scheinen diese geringen Beträge eine magere Abspeise. Das Anrecht der außerehelichen Kinder belief sich jedoch tatsächlich nur auf einen anteiligen »Versorgungsbetrag« und das Erbe ging daher über Geldbeträge nicht hinaus. Niemand von ihnen erhielt Zeichnungen, geschweige denn ein Gemälde aus der Verlassenschaft. Gustav Ucicky sollte diesen Umstand später ausgleichen, indem er sich zusehends bemühte Werke seines Vaters anzukaufen.
Literatur und Quellen
- Brief von Otto Kiebacher in Wien an Maria Zimmermann in Wien (19.12.1919). S64/262.
- Brief von Otto Kiebacher in Wien an Maria Zimmermann in Wien (10/29/1919).
- Aufkündigung des Mietvertrages für das Atelier Feldmühlgasse durch Emilie Flöge (before May 1919).
- Ausstellungsanmeldung von Emilie Flöge für „Die Braut“ anlässlich der VI. Kunstschau des Bundes Österreichischer Künstler im Künstlerhaus 1925 (09.04.1925). Mappe Gustav Klimt, Künstlerhaus-Archiv, Wien.
- Empfangsbestätigung der Gesellschaft bildender Künstler Wiens an Emilie Flöge (13.03.1943). 1.A1.1943.01_050.
- Brief von Josef Krzizek an Emilie Flöge in Wien (13.02.1918).
- Brief von Emilie Flöge in Wien an Georg Klimt (10.03.1919). S104.
- Brief von Julius Zimpel jun. in Wien an Theodor Petermichel (11/06/1918). S499/4.
- Brief mit Kuvert von Felix Albrecht Harta in Salzburg an Egon Schiele in Wien (01.10.1918). ESA345.
- Sandra Tretter, Peter Weinhäupl (Hg.): Gustav Klimt. Emilie Flöge. Reform der Mode. Inspiration der Kunst, Wien 2016.
- Vereinigung bildender KünstlerInnen Wiener Secession (Hg.): XCIX. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession. Klimt-Gedächtnis-Ausstellung, Ausst.-Kat., Secession (Wien), 27.06.1928–05.08.1928, Wien 1928.
- Christian M. Nebehay (Hg.): Gustav Klimt. Dokumentation, Wien 1969.
- Emil Pirchan: Gustav Klimt, Wien 1956.
- Sandra Tretter, Peter Weinhäupl (Hg.): Chiffre: Sehnsucht – 25. Gustav Klimts Korrespondenz an Maria Ucicka 1899–1916, Wien 2014.
- Alice Strobl (Hg.): Gustav Klimt. Die Zeichnungen, Band I, 1878–1903, Salzburg 1980.
- Alice Strobl (Hg.): Gustav Klimt. Die Zeichnungen, Band IV, 1878–1918, Salzburg 1989.
- Wolfgang Georg Fischer: Gustav Klimt und Emilie Flöge III. Erinnerungen an Emilie Flöge, in: Alte und moderne Kunst. Österreichische Zeitschrift für Kunst, Kunsthandwerk und Wohnkultur, 26. Jg., Heft 190/191 (1983), S. 57.
- Rose Poor Lima: Besuch bei Hermine und Klara Klimt, in: Wiener Zeitung, 22.10.1933, S. 14-15.
- Münchner neueste Nachrichten: Wirtschaftsblatt, alpine und Sport-Zeitung, Theater- und Kunst-Chronik (Morgenausgabe), 28.03.1919, S. 1.
- Bertha Zuckerkandl: Gedächtnis=Ausstellung, in: Wiener Allgemeine Zeitung, 06.02.1919, S. 2-3.
- N. N.: Gedächtnisausstellung Gustav Klimt, in: Die Frau, 26.02.1919, S. 5.
- N. N.: Beilage, in: Die bildenden Künste. Wiener Monatshefte, 2. Jg. (1919), S. VII.