Auf dem Weg zum Zeichenlehrer
Volks- und Bürgerschule in der Lerchenfelder Straße 61 (erstes Gebäude im Vordergrund), um 1890
© Klimt-Foundation, Wien
Ein Lehrer von Gustav Klimt empfahl dessen Vater den talentierten Schüler an die k. k. Kunstgewerbeschule zu schicken, um diesem eine Ausbildung als Zeichenlehrer zu ermöglichen. Im Oktober 1876 fand die Aufnahmeprüfung statt. Diese absolvierte er gemeinsam mit seinem Bruder Ernst.
Gustav Klimt besuchte die achtjährige Volks- und Bürgerschule in der Lerchenfelder Straße 61 im siebten Wiener Gemeindebezirk. Hier wurde sein Talent von den Lehrern erkannt und erstmals gefördert. Angeblich überredete der Bürgerschullehrer den Vater dem talentierten Gustav eine angemessene Ausbildung zu gestatten. Das Ziel war zunächst jedoch keine Ausbildung als Maler, sondern der Beruf Zeichenlehrer. Sowohl der kunsthandwerkliche Hintergrund des als Goldgraveur arbeitenden Vaters als auch die prekäre finanzielle Situation der Familie dürften Grund dafür gewesen sein, warum Gustav Klimt Schüler der k. k. Kunstgewerbeschule (heute: Universität für angewandte Kunst Wien) und nicht der k. k. Akademie der bildenden Künste Wien wurde. Während an der Kunstgewerbeschule angewandte Künstler (Dekorationsmaler, Ziselierer und Graveure etc.) ausgebildet wurden, studierten an der Akademie freischaffende Maler, Bildhauer und Architekten.
Zeugnisse von Gustav Klimt aus den Schuljahren 1875 und 1876
Anatomie-Vorlesung an der k. k. Kunstgewerbeschule, um 1900
© Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv
Eignungsprüfung und »Kennenlernen« von Franz Matsch
Im Oktober 1876 trat somit der 14-jährige Gustav Klimt mit dem Ziel Zeichenlehrer zu werden zur Aufnahmeprüfung an der k. k. Kunstgewerbeschule an und bestand die Prüfung erfolgreich gemeinsam mit 132 Schülerinnen und Schülern in seinem Jahrgang.
Franz Matsch hinterließ um 120 Seiten handschriftliche Manuskriptblätter – seine Autobiografischen Skizzen – die unter anderem eine Beschreibung der Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule enthalten:
»[…] zu diesem Zwecke waren mehrere Gipsköpfe aufgestellt. Ein antiker weiblicher Kopf war also für mich die Entscheidung für das ganze Leben! Neben mir saß Gustav KLIMT [!], sein Bruder Ernst trat um ein Jahr später ein. Wir freundeten uns gleich an und besprachen die Chancen unserer Aufgabe, doch waren wir ziemlich hoffnungslos. […] Den nächsten Tag holten wir klopfenden Herzens das Resultat; wir waren aufgenommen! […] Bei der Einschreibung musste jeder angeben, was er werden wolle. Zeichenlehrer an einer Mittelschule war unser Ziel.«
Die Klassenkataloge der Universität für angewandte Kunst Wien widersprechen jedoch den erst 1930 niedergeschrieben Schilderungen von Franz Matsch. Demnach hatte Matsch bereits im Oktober 1875 die Aufnahmeprüfung gemacht und besuchte schon in diesem Semester die Vorbereitungsschule. Klimt hingegen schreibt in seinem eigenhändig verfassten Lebenslauf, dass er die Prüfung erst im Oktober 1876 absolviert hatte. Die Klassenkataloge bestätigen dies. Folglich ist es nicht möglich, dass die beiden Künstler schon während der Aufnahmeprüfung nebeneinander saßen. Auch die Information, dass Ernst erst 1877 in die Schule eintrat, wird durch die Klassenlisten widerlegt. Demnach besuchte er wie auch sein Bruder bereits im Studienjahr 1875/76 die Kunstgewerbeschule. Die drei jungen Maler lernten sich im Zuge des Unterrichts kennen, da sie alle drei das Ziel verfolgten Zeichenlehrer zu werden und folglich dieselben Klassen besuchten.
Literatur und Quellen
- Franz Matsch: Autobiografische Schriften. Privatbesitz, S. 12.
- Herbert Giese: Matsch und die Brüder Klimt. Regesten zum Frühwerk Gustav Klimts, in: Mitteilungen der Österreichischen Galerie, 22/23. Jg., Nummer 66/67 (1978/79), S. 48-68.
- Klassenkataloge 1876–1881, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv.
- Lebenslauf, eigenhändig verfasst von Gustav Klimt (12/21/1893). Beilage zu Verwaltungsakt Zl. 497-1893, Akademie der bildenden Künste Wien, Universitätsarchiv.
- Entlassungszeugnis von Gustav Klimt für die Bürgerschule in Wien (07/29/1876). GKA77.