Atelier Florianigasse 54

Blick in die Florianigasse Richtung Landesgerichtsstraße, um 1904, Wien Museum
© Wien Museum

Annonce der Möbelfabrik und Kunsttischlerei von Ludwig Schmitt in der Florianigasse 54, in: Wiener Salonblatt, 12.06.1892.
© ANNO | Österreichische Nationalbibliothek

Das Dachgeschossatelier in der Florianigasse 54 wurde von Gustav Klimt nur acht Jahre lang angemietet. Es diente ihm, neben seinem Hauptatelier in der Josefstädter Straße 21, als Werkstätte für die Arbeiten an den großformatigen Fakultätsbildern.

1898 musste Gustav Klimt im Zuge seines Auftrages für die Deckenbilder der Wiener Universität, parallel zu seinem Ende 1890 bezogenen Atelier in der Josefstädter Straße 21, ein zusätzliches Atelier anmieten.

Von 1894 bis 1898 hatte Klimt noch in seinem, mit Franz Matsch gemeinschaftlich genutzten, Atelier in der Josefstädter Straße am Auftrag für die Fakultätsbilder gearbeitet. Bei der Umsetzung der in diesem Zeitraum angefertigten Skizzen ergab sich für den Künstler jedoch das Problem, dass die Räume des einstöckigen Hauses in der Josefstadt nicht genug Platz für das monumentale Format der Fakultätsbilder von 4,3 x 3 Metern boten.
Daher mietete Klimt 1898 ein provisorisches Atelier im 4. Stock der Tischlerei und Möbelfabrik Ludwig Schmitt in der Florianigasse 54 (ab 1906 Nummer 50) im 8. Wiener Gemeindebezirk, unweit seines Hauptateliers, an. Das Dachgeschossatelier wurde von dem Maler auch liebevoll »Höhenwerkstatt« genannt. Dieser Name dürfte sich dabei sowohl auf die Lage als auch die Raumhöhe bezogen haben.

 

Gustav Klimt: Brief von Gustav Klimt in Wien an Wilhelm von Hartel [?], vermutlich vor Oktober 1900, Österreichische Nationalbibliothek
© Sammlung von Handschriften und alten Drucken, Österreichische Nationalbibliothek

Gustav Klimt: Brief von Gustav Klimt in Wien an Wilhelm von Hartel [?], vermutlich vor Oktober 1900, Österreichische Nationalbibliothek
© Sammlung von Handschriften und alten Drucken, Österreichische Nationalbibliothek

Als k. k. Hoftischler verkehrte Schmitt in denselben Kreisen wie Friedrich Paulick sen., bei dem Klimt regelmäßig als Hausgast in der Villa Paulick am Attersee verkehrte. Gästebucheinträge zeigen, dass auch Ludwig Schmitt 1894 und 1899 zu Gast in der Villa Paulick war. Es könnte daher sein dass Klimt den renommierten Kunsttischler Schmitt schon vor seinem Einzug in das Atelier in der Möbelfabrik, über den Kontakt zur Familie Paulick kennengelernt hatte. Seit der Jahrhundertwende hatte Schmitt zudem begonnen vermehrt Jugendstilmöbel herzustellen. Unter anderem fertigte er für die Weltausstellung Paris (1900) Möbel nach Entwürfen von Joseph Maria Olbrich an. Angeblich soll Klimt gut mit der Familie Schmitt befreundet gewesen sein und Möbelstoffentwürfe für seinen Vermieter angefertigt haben.

Spätestens ab 1900 verbrachte Klimt den Großteil seiner Zeit mit Arbeiten an den Fakultätsbildern in der Florianigasse. Im September 1900 schrieb er an Maria Zimmermann:

» [...] weil ich mehr in der Florianigasse arbeite – morgen endlich fange ich am großen Bilde [Anm.: Die Medizin, 1900-1907] mit dem Malen an, es ist die höchste Zeit.«.

An einen unbekannten Herren schrieb er im Oktober 1900:

»Ich bin jeden Tag von ½ 11 bis 1 und von 3–6 in meinem provisorischen Atelier VIII. Florianigasse 54 rückwärts im Hofe IIII. Stock zu treffen.«.

Gustav Klimts Korrespondenz zeigt, dass er mindestens bis 1907 zumeist von der Florianigasse aus arbeitete. Immer wieder bat er Bekannte dorthin zu kommen oder an diese Adresse zu schreiben.

Gustav Klimt: Die Medizin, 1900-1907, 1945 in Schloss Immendorf verbrannt, in: Kunstverlag Hugo Heller (Hg.): Das Werk von Gustav Klimt, Wien - Leipzig 1918.
© Klimt-Foundation, Wien

Kritik und Umbruch in der Florianigasse
Acht Jahre lang malte Klimt an den drei allegorischen Gemälden: Die Medizin, Die Jurisprudenz und Die Philosophie (1900–1907, 1945 auf Schloss Immendorf verbrannt). Ludwig Hevesi berichtete, dass Klimt vor den riesigen Leinwänden mit einer Leiter gearbeitet habe, die er immer wieder hinauf und hinunter stieg. Um ihn herum sollen verstreut tausende Skizzen und Zeichnungen gelegen haben.

Der Malprozess den Klimt in der Florianigasse an den Fakultätsbildern vornahm, gestaltete sich schwierig und zeitaufwändig. Immer wieder überarbeitete er die Gemälde, teilweise aus eigener Unzufriedenheit »[…] die Medizin ist gegenwärtig in einem scheußlichen Stadium mehr angeschmiert als gemalt [...]«, teilweise aufgrund der herben Kritik, die ihm die Professoren der Universität entgegenbrachten. Als Klimt 1900 Die Philosophie und 1901 Die Medizin in noch unvollendetem Zustand der Öffentlichkeit präsentierte, lösten beide Bilder einen regelrechten Skandal aus. 1905 entschied sich die Universität dazu, die Deckengemälde nicht in der Aula anzubringen. Daraufhin löste Klimt seinen Vertrag auf und kaufte seine Bilder zurück. Zwei weitere Jahre arbeitete der Maler in der Florianigasse an den Gemälden, bis er nach deren Fertigstellung 1907 sein provisorisches Atelier verließ.

Klimt war 1898 als renommierter Dekorationsmaler im Auftrag der Öffentlichkeit in das Atelier ein- und 1907 als progressiver, innovativer Maler der Moderne wieder ausgezogen.

Literatur und Quellen

  • Peter Weinhäupl: Baustelle Fakultätsbilder. Klimts streitbare Moderne, die ungewollte Anerkennung und der Untergang, in: Sandra Tretter, Hans-Peter Wipplinger (Hg.): Gustav Klimt. Jahrhundertkünstler, Ausst.-Kat., Leopold Museum (Museums Quartier, Wien), 22.06.2018–04.11.2018, Wien 2018, S. 49-76.
  • Brief von Gustav Klimt an Maria Zimmermann (September 1900). S63/15.
  • Christian M. Nebehay (Hg.): Gustav Klimt. Dokumentation, Wien 1969.
  • Stephan Koja (Hg.): Gustav Klimt: Der Beethoven-Fries und die Kontroverse um die Freiheit der Kunst, München 2006.
  • Mona Horncastle, Alfred Weidinger: Gustav Klimt. Die Biografie, Wien 2018.
  • Agnes Husslein-Arco, Alfred Weidinger (Hg.): Gustav Klimt 150 Jahre, Ausst.-Kat., Oberes Belvedere (Wien), 13.07.2012–27.01.2013, Wien 2012.
  • Ernst Ploil: Die Ateliers des Gustav Klimt, in: Tobias G. Natter, Franz Smola, Peter Weinhäupl (Hg.): Klimt persönlich. Bilder – Briefe – Einblicke, Ausst.-Kat., Leopold Museum (Museums Quartier, Wien), 24.02.2012–27.08.2012, Wien 2012, S. 98-107.
  • N. N.: Von der Pariser Weltausstellung. Das Wiener Interieur, in: Neue Freie Presse, 29.07.1900.
  • N. N.: LUDWIG SCHMITT. K. und K. HOFTISCHLER UND MÖBELFABRIKANT, in: Jubiläumsnummer der Wiener Zeitung. Beilage zur Wiener Zeitung, 08.08.1903, S. 144.
  • Österreichisches Biographisches Lexikon. Ludwig Schmitt. www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Schmid_Ludwig_1849_1906.xml (27.01.2022).
  • N. N.: Jahresversammlung des Wiener Kunstgewerbevereines. (Original-Bericht des "Neuen Wiener Journal".), in: Neues Wiener Journal, 27.07.1899, S. 3-4, S. 4.
  • N. N.: Localbericht. [Wiener Kunstgewerbeverein.], in: Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie, 07.12.1898, S. 6.
  • Hans Koppel: Bei Gustav Klimt, in: Die Zeit, 15.11.1903, S. 4-5.
  • Adolph Lehmann's allgemeiner Wohnungs-Anzeiger. Nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k. k. Reichshaupt- u. Residenzstadt Wien u. Umgebung, 47. Jg., Band 1 (1905), S. 1289.
  • Adolph Lehmann's allgemeiner Wohnungs-Anzeiger. Nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k. k. Reichshaupt- u. Residenzstadt Wien u. Umgebung, 48. Jg., Band 1 (1906), S. 1009.